Berlinale-Eröffnung: Die Poesie eines Kampfes

Die Kraft kommt von innen: Der Kung-Fu-Großmeister Ip Man, verkörpert von Tony Leung. Foto: Berlinale

Berlin. Im strömenden Regen auf einer Straße in Südchina jagen die Kung-Fu-Kämpfer Wirbel von Tropfen durch den Nachthimmel. Bei ihren Angriffen entstehen derartig schnelle Bewegungen, dass sich das Licht in Tausenden Wasserspritzern bricht wie in einem zerborstenen Spiegel.

Schon in seiner ersten Filmszene löst Regisseur Wong Kar Wai die Bilder auf wie in einem Kaleidoskop. „The Grandmaster“ (Der Großmeister) überwältigt als Eröffnungsfilm der Berlinale mit einer poetischen Bilderflut.

Im China der 1930er- bis 50er-Jahre etabliert sich in der Kung-Fu-Szene ein neuer Großmeister, Ip Man (Tony Leung). Sein Vorgänger Gong Baosen legt die Amtswürde nieder, in diversen Kämpfen wird geklärt, wer in seine Fußstapfen treten darf. Niemand ist souveräner als Ip Man. Außer einer Frau. Gongs Tochter, Gong Er (Ziyi Zhang). Ihr Vater möchte zwar nicht, dass sie die Kampftradition pflegt, sie aber will die Familienehre retten. Niemand außer ihr beherrscht die Technik der „64 Hände“.

Zu dieser filmischen Ausgangslage kommen Verräter, Politik und Schicksalsschläge. „The Grandmaster“ erzählt aber vor allem von Kung Fu als Lebensschule. Ip Man ist eine historische Persönlichkeit – er war der Lehrer von Bruce Lee, der später den Kampfsport weltweit bekannt gemacht hat.

Die Hände vor dem Gesicht erhoben, versinken die Kontrahenten in Konzentration. Füße, Hände: Die Kraft kommt von innen, entwickelt einen Schlagimpuls, der töten kann. Man misst sich im Goldenen Pavillon, einem Edelbordell.

Wong Kar Wais Erzählrhythmus folgt dem Wechsel von Ruhe und Bewegung dieses Kampfsports. Seine prächtigen Bilder von Seidenjacken, glühenden Holzscheiten, einem zugefrorenen See lösen sich auf in Unschärfe, Spiegelungen, Nebel, extremen Nahaufnahmen. Wong Kar Wai hat die visionäre Poesie seiner früheren Filme („In the Mood for Love“) weitergetrieben, fast ins Expressionistische. Wie Maler gestalten Regisseur und Kameramann Philippe Le Sourd die Filmoptik, die von überwältigender Schönheit, aber auch recht selbstverliebt ist. Das geht zulasten von Herz, Wärme und Mitgefühl mit den Figuren, die recht fremd bleiben.

Bei einem entscheidenden Kampf stehen Gong Er und ihr Gegner am Rand eines verschneiten Bahnsteigs. Die dampfende Lok kurz vor der Abfahrt ist brüllendes Symbol der industrialisierten Moderne.

 Unmittelbar daneben suchen Kung-Fu-Schuhe im Schnee festen Stand. Rasend schnell zwingen Frauenhände den Verräter in die Nähe der Radachsen. Ein paar Schläge, Drehungen, Griffe und er ist vernichtet. Gong Ers weißes Gesicht leuchtet. Beim Weggehen wird ihre schmale Silhouette eins mit der Nacht.

Von Bettina Fraschke

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