Über zwölf Jahre gefilmt

Berlinale: Richard Linklaters „Boyhood“ ist der Bären-Favorit

Zwei Favoriten auf den Goldenen Bären: Richard Linklaters Film „Boyhood“ mit Ellar Coltrane (links) sowie Dominik Grafs „Geliebte Schwestern“. Das Bild zeigt den Regisseur mit den Hauptdarstellern Florian Stetter (Friedrich Schiller, links) und Henriette Confurius (Charlotte von Lengefeld). Fotos: Berlinale

Berlin. 164 Minuten zum Erwachsenwerden. Das außergewöhnliche Filmprojekt „Boyhood“ des Texaners Richard Linklater hat sich raketengleich an die Spitze der Berlinale-Favoritenliste gesetzt. Der grandiose Wettbewerbsfilm erzeugte schon Minuten nach der Pressevorstellung Wogen der Begeisterung.

Auf Twitter gab’s Sätze wie „Ja, er ist wirklich so gut“. Die Stimmung kippte nach einem durchwachsenen Festivaljahrgang ins Euphorische. Eine Bilanz vor der heutigen Preisverleihung.

Der Favorit

„Boyhood“ geht ganz neue Wege der Filmerzählung. Über zwölf Jahre filmte Linklater immer wieder mit denselben Darstellern die fiktionale Geschichte einer Kindheit. Anfangs ist Mason (Ellar Coltrane) etwa sechs Jahre alt, am Ende zieht er von daheim aus Richtung College. Ihn und seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs) und seine geschiedenen Eltern (Patricia Arquette und Ethan Hawke) begleitet Linklater im Alltag. Streitereien, Partys, Zelten, Mutters neue Männer, die schwierige Frage: Wo möchte ich im Leben hin? Beiläufig fließt über Musik, Mode und Nachrichten ein Zeitkontext ein, von Irakkrieg bis Daft Punk. Der Mut zum Unspektakulären und die immer tiefere Verbundenheit mit den Figuren sind grandios.

Die deutschen Filme

Als überzeugend und weit vorn in den Favoritenlisten tauchen auch die deutschen Wettbewerbsfilme auf. Während Feo Aladags Afghanistan-Drama „Zwischen Welten“ die konventionelle Erzählart vorgeworfen wird, gibt es viel Zustimmung für Edward Bergers „Jack“ über Kinder allein in der Stadt, Dietrich Brüggemanns formal aufregende Studie „Kreuzweg“ über ein Mädchen, das an strengen Glaubensvorschriften zerbricht, und für Dominik Grafs präzise wie schwelgerische Dreier-Liebesgeschichte „Die geliebten Schwestern“ über Schiller.

Selbstbewusstes China

Mit drei Filmen präsentierte sich China im Wettbewerb stark: Der Polizeikrimi „Black Coal, Thin Ice“, der halbdokumentarische Ensemblefilm „Blind Massage“ und die Sergio-Leone-artige Westernfarce „No Man’s Land“ zeigten die breite Brust einer boomenden Filmnation. Es gab im Wettbewerb ansonsten aber auch einigen Eso-Kitsch, Kunst-Geschwurbel, quälende Inhaltsarmut und Klischeeparaden.

Starfrequenz

Hoch. Festivalchef Dieter Kosslick konzipierte die Auftritte der Fanlieblinge für maximale mediale Aufmerksamkeit – was parallel zu Olympia nicht leicht ist. Die damit beworbenen Filme waren jedoch nicht die stärksten, siehe George Clooneys pathosdurchtränkte „Monuments Men“.

Universalanspruch

Die Berlinale machte ihrem umfassenden Kulturanspruch alle Ehre. Von Wim Wenders maßstabsetzender 3D-Doku über Filme zum Arabischen Frühling und Trickfilmexperimente reichte der bis zu nachhaltigen Imbissständen und dem rasch ausverkauften Berlinale-Schnuller.

Von Bettina Fraschke

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