Berlinale: Ulrich Seidl mit „Paradies: Hoffnung“

Unerlaubte Nähe: Melli (Melanie Lenz) und der Arzt, der im Film keinen Namen hat (Joseph Lorenz), bei der Untersuchung.

Singende Kinder klatschen unter Anleitung ihrer Diätlehrerin rhythmisch mit den Handflächen auf den eigenen Körperspeck. Was könnte die Trostlosigkeit eines Abnehmprojekts deutlicher machen? Regisseur Ulrich Seidl begleitet die 13-jährige Melli (Melanie Lenz) in ein Diätcamp in seinem radikalen Film „Paradies: Hoffnung“.

Damit schließt er seine Paradies-Trilogie ab, „Paradies: Liebe“ über Sextouristinnen in Kenia läuft gerade in den Kinos, in „Paradies: Glaube“ geht es um Trostsuche in der Religion. Seidl hat alle drei Teile auf den drei größten Filmfestivals lanciert: ein Hattrick.

Bei der Filmvorstellung auf der Berlinale erzählte der skandalgewöhnte Österreicher, dass es bereits zu dem Zeitpunkt einen öffentlichen Aufruhr gab, als sein Team für die Hauptrolle per Inserat „dicke Mädchen“ suchte: „Dicke Mädchen gibt es nicht, es gibt nur übergewichtige Mädchen“, so sei die Sprachregelung. Und schon sind wir im Zentrum seiner Arbeit: Seidl will die Gesellschaft dazu bringen, dort hinzuschauen, wo viele nicht hinschauen wollen. In „Hoffnung“ ist das deutlich weniger schockierend als in „Liebe“.

Aber es gibt ein stetes Unbehagen beim Zuschauen. Welche Körperformen haben wir als angemessen erkoren? Wer sieht noch gut aus, wer nicht mehr? Und wer legt das fest? Und wo sind eigentlich die Eltern, die ihre Kinder so dick haben werden lassen? Melli verabschiedet ihre Mutter, die Protagonistin aus „Liebe“, am Telefon: „Viel Spaß in Kenia.“

Gegen den trostlosen Campalltag mit seinen ewigen Sportprogrammen setzt Melli die Wucht ihrer Gefühle. Sie hat sich in den Arzt verliebt, 40 Jahre älter. Täglich lässt sie sich von ihm untersuchen, trotzt ihm eine Umarmung ab. Ihm gefällt das durchaus.

Seidls Hauptdarsteller Melanie Lenz und Joseph Lorenz zeigen in diesem improvisierten Hybridfilm zwischen Doku und Fiktion ohne viele Worte, was diese unerlaubte Nähe mit ihren Figuren macht. Erst ist alles ein Spiel, das dem Arzt ein feines Grinsen entlockt. Doch kurz darauf befühlt er heimlich einen Schlüpfer aus Mellis Gepäck.

Melli zieht es in die Erwachsenenwelt, sie möchte endlich Sex kennenlernen. Eine schauspielerische Sternstunde: Melanie Lenz zu erleben, wie sie sich danach sehnt und zugleich Angst hat.

Ringsum bleibt in diesem Film aber viel Leerlauf, es gibt wenig Handlungsentwicklung, die immergleichen Bilder von den trainierenden Kindern nutzen sich bald ab.

Von Bettina Fraschke

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