Berlinale zeigt die Welt im Einweckglas

Live vom Potsdamer Platz berichtet unsere Berlinale-Korrespondentin Bettina Fraschke. Folgen Sie ihren Erlebnissen über www.twitter.com/HNA_fra und auf www.hna.de/kultur

Berlin. Die Berlinale geht in diesem Jahr ans Eingemachte: Die Festivalmacher hatten im Herbst einen Einkochwettbewerb ausgerufen. Eine Jury unter Vorsitz des Sternekochs und Gemüsepapstes Michael Hofmann (Restaurant Margaux) kürt nun den Meister des Einweckglases.

Die Berlinale will erneut zum Kern der drängenden, aktuellen Themen vordringen, inhaltlich und filmisch die Stimmungen aufgreifen, die Menschen weltweit beschäftigen. Doch der Anspruch des internationalen Filmfestivals ist auch wörtlich zu verstehen.

Was ein bisschen putzig, retro und nach Omas uralten Erdbeergläsern klingt, ist für die Berlinale in mehrfacher Hinsicht schlüssig: Sie beweist erneut ihren Anspruch, allumfassender Spiegel der Welt und Richtungsgeber in einer unübersichtlichen Gegenwart zu sein. Sie nimmt das Thema Nachhaltigkeit ernst, und sie will nicht nur in der Glitzerwelt der Stars, sondern im wahrsten Sinne des Wortes bodennah sein. Projektkoordinator Thomas Struck zieht den Vergleich so: „Einkochen ist ein Verdichtungsprozess, und was ist der Film anderes als verdichtetes Leben?“

Verdichtetes Leben gibt es auf der Leinwand viel, das Festival wird wie gewohnt politisch. Viele Filme zeigen Einzelne, die sich im Kampf gegen ein System behaupten müssen. Regisseur Gus van Sant hat einen Beitrag zur Rohstoffgewinnung mittels Fracking gedreht, es gibt Filme über Menschen, die gegen Korruption angehen wollen und über starke Frauen. Der Iraner Jafar Panahi ist mit dem Film „Pardé“ über Misstrauen und Außenseiter vertreten, obwohl er in seiner Heimat Berufsverbot hat. Er hat trotzdem gedreht.

Im Wettbewerb, der Königsklasse des Festivals, das 404 Werke zeigt, laufen 24 Filme, 19 konkurrieren um den begehrten Goldenen Bären, der von der Jury unter Vorsitz des chinesischen Regisseurs Wong Kar-Wai vergeben wird.

Kritik am Festival hält sich 2013 in Grenzen - es gab nur Stimmen, die Oskar Roehlers BRD-Nachkriegs-Epos „Quellen des Lebens“ vermissten. Dennoch ist der deutsche Film stark vertreten. Der Wettbewerb hat eine deutsche Arbeit, Thomas Arslans Western „Gold“, und eine deutsch-südafrikanische Koproduktion im Programm: „Layla Fourie“. Insgesamt sind 107 Filme heimischer Herkunft. Dabei wird - auch das ist gute Tradition seit Amtsantritt des Leiters Dieter Kosslick 2001 - besonders der junge Film gewürdigt.

Daneben gibt es Unmengen zu entdecken: Die Berlinale macht in einer Sonderreihe das Filmschaffen indigener Völker aus Ozeanien, Australien, Nordamerika und der Arktis sichtbar. Holocaust-Protokollant Claude Lanzmann (87) wird geehrt, sein einzigartiger Interviewfilm „Shoah“ (540 Minuten) ist zu sehen.

Die Retrospektive würdigt den internationalen Einfluss des Weimarer Kinos nach 1933. Und es gibt Stadtteilveranstaltungen mit „fliegendem roten Teppich“, wo unter anderem die Langzeitdoku „Berlin - Ecke Bundesplatz“ direkt am Entstehungsort gezeigt wird.

Über 300.000 Besucher werden erwartet. Die Berlinale ist das größte Publikumsfest der Welt. Sie wurde 1951 gegründet. Sie hat heute einen Etat von 21 Mio. Euro, vom Bund kommen 6,5 Millionen, der Rest wird erwirtschaftet. 404 Filme werden bis zum 17. Februar gezeigt. Bei der Fachmesse Europäischer Filmmarkt sind 455 Firmen vertreten.

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