Kunstprojekt

Die Berliner Pop-Ikone Bernadette La Hengst tritt in Gottsbüren auf

Die Sängerin Bernadette La Hengst gilt als wichtigste Frau der Hamburger Schule. Ihr tolles neues Pop-Album stellt sie nicht nur in den Metropolen vor, sondern auch in Gottsbüren im Reinhardswald.

Das 900-Einwohner-Dorf Gottsbüren steht nun in einer Reihe mit Hamburg, Zürich und München. Überall dort stellt die Berliner Musikerin Bernadette La Hengst gerade ihr neues Album vor. Am Montag, 20 Uhr, gastiert die 47-Jährige im Dorfzentrum des Trendelburger Stadtteils, wo sie unter anderem mit einem Chor eine selbst komponierte Hymne auf den Ort im Reinhardswald singt (Liedtext: siehe unten).

Schon im Juni war die ehemalige Frontfrau der Band Die Braut haut ins Auge mit Linzer Kunststudenten als Teil des Projekts „Herstellung von Wohlbefinden“ zu Gast in Gottsbüren. Sie stieß auf ein Lied des Schlagersängers Felix, dem einzigen professionellen Musiker des Dorfes, stand mit Flüchtlingskindern aus Eritrea auf der Bühne und ließ einen befreundeten UN-Mitarbeiter aus Großbritannien „Gottsbüren is the place to be“ singen. Herrlich.

Video: Gottsbüren - eine Vision

Wird es ein Heimspiel, wenn Sie am Montag nach Gottsbüren zurückkehren? 

Bernadette Hengst: Wenn ich woanders bin, fühle ich mich meist ganz schnell dort zu Hause. In Gottsbüren habe ich zwei Hymnen geschrieben und mit den Einwohnern aufgenommen. So lernt man sich noch schneller kennen.

Dabei wurden die Künstler im Frühjahr nicht gerade mit offenen Armen von den Dorfbewohnern empfangen. 

Hengst: Auf der Webseite des Projekts stand zunächst der Satz, dass man das Dorf retten wolle. Die meisten Bewohner wollten aber gar nicht gerettet werden, was ich verstehen kann. Als ich kam, hatten der Linzer Kunst-Professor Ton Matton und seine Studenten schon viele Türen geöffnet.

Mit dem Projekt sollte Gottsbüren neu erdacht werden. Was hat Ihr Engagement dort mit Ihnen gemacht? 

Hengst: Ich komme selbst aus der Provinz, aber wenn ich meine Heimatstadt Bad Salzuflen anschaue, bin ich froh, da weggekommen zu sein. Ich fahre auch höchstens einmal im Jahr dorthin. Aber nach meiner Zeit in Gottsbüren kann ich mir vorstellen, irgendwann wieder einmal aufs Land zu ziehen. Man kann dort ganz anders leben als in der Großstadt, wo man ständig getrieben ist. Man hat Zeit und Platz, weil es viel Leerstand gibt. Darum haben wir unser Projekt auch mit der Flüchtlingsdebatte verknüpft. Die Großstädte sind überfüllt und das Leben dort ist teuer. Für das Land bieten die Flüchtlinge dagegen die Chance, die Infrastruktur wiederzubeleben.

Das passt zu Ihrem tollen neuen Album, für das Sie Melodien geschrieben haben, die die Welt retten sollen. Dabei hat doch ein Musiker nicht mehr die Pflicht, die Welt zu verbessern, als ein Handwerker, wie der Element-of-Crime-Sänger Sven Regener einmal gesagt hat. 

Hengst: Aber durch die Emotionalität von Pop-Songs kann ein Musiker mehr Leute erreichen als ein Handwerker. Nicht alle meine Lieder sind getarnte Politsongs, aber ich glaube daran, dass sie die Leute zum Denken bringen und so auch das Handeln verändern können.

Kann man Ihre Musik Diskursschlager nennen?

Hengst: Ich finde den Begriff ganz okay, weil ich unter Schlager etwas anderes verstehe als den 70er-Jahre-Bums-Schlager. Ich habe zum Beispiel ganz viele Platten von Daliah Lavi. Für mich ist das deutschsprachiger Chanson. Ich will nicht immer nur Diskurs sein.

Finanziert haben Sie das Album über Crowdfunding. Wie schwer ist es heutzutage, von der Musik zu leben?

Hengst: Ziemlich schwer. Von der Musik kannst du nur leben, wenn du bei den großen Plattenfirmen bist. Bei meinen Songs sind ja schon Hits dabei. Trotzdem bin ich immer Nischenkünstlerin geblieben. Vielleicht liegt es an den anspruchsvolleren Texten. Ich weiß es nicht. Seit zehn Jahren finanziere ich mein Leben vor allem durch Theaterprojekte. Und alle drei Jahre kann ich mir den Luxus leisten, ein Album aufzunehmen.

Kritiker schreiben, Sie sollten die Titelbilder aller Musikmagazine zieren. Hadern Sie manchmal, nicht den Erfolg zu haben, den Sie längst verdient hätten?

Hengst: Ich würde mir gern weniger Sorgen machen müssen, das schon. Mehr Erfolg würde mir vielleicht zu mehr Sicherheit verhelfen. Ich bin aber auch froh, über die Straße laufen zu können, ohne erkannt zu werden. Ich will auch kein Vorbild für andere sein. Ich kenne viele Musikerkollegen, die darauf angewiesen sind, Brotjobs zu machen. Insofern ist es ein Erfolg für mich, allein von der Kunst zu leben.

Video von Juli aus Gottsbüren

Zur Person

Geboren: am 8. November 1967 in Bad Salzuflen als Bernadette Hengst

Karriere: Hengst wurde wie Bernd Begemann und Jochen Distelmeyer bekannt durch die ostwestfälische Plattenfirma „Fast Weltweit“ und sang bei der Hamburger Band Die Braut haut ins Auge. Seit 2002 ist sie Solokünstlerin und arbeitet als Theaterregisseurin.

Privates: Lebt mit ihrer Tochter (11) in Berlin

Das Album: „Save the World With This Melody“

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Dorfhymne Gottsbüren - eine Vision (Auszug)

Wir wollen Windräder, aber nicht im Wald, und mit Miskantus wird uns nie mehr kalt, jedes Haus hat bald ein solares Dach, und die Mühle mahlt am rauschenden Bach.

Wir sind Stadtbewohner mit viel Platz, unser Dorf ist unser größter Schatz, Für alle die der Metropole entfliehn: Gottsbüren wird eine Utopie!

Refrain: Irgendwo hinter Kassel ist ein Ort, Gottverlassen liegt er dort, paradiesisch mit Niveau, zwischen Wiese, Wald und Stroh, wo der Wind weht sowieso, mit dem Blick ins Nirgendwo, aus Gottsbüren eine Vision.

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