Jeder auf seine Weise

Berliner Techno-Brüder Fritz und Paul Kalkbrenner erobern die Charts

Spielte voriges Jahr 130 Gigs rund um den Globus: Trotzdem macht Fritz Kalkbrenner (31) Techno für Zuhause. Fotos: Conrad/dpa

Zuletzt musste der Berliner Techno-Musiker Fritz Kalkbrenner schmunzeln, als ihm seine Agentur die Presseberichte geschickt hatte. Der Kölner „Express“ titelte über ihn und seinen Bruder Paul: „Bruderkampf um die Chartspitze“. Es las sich, als würden sich verfeindete Geschwister duellieren.

Bislang war Fritz (31) nur der kleine Bruder von Paul (35), der wiederum als „Deutschlands unbekanntester Superstar“ gilt. Seitdem sich der ältere Kalkbrenner in Hannes Stöhrs Musik-Kultfilm „Berlin Calling“ (2008) quasi selbst spielte, füllt der DJ mit seinem Minimal Techno die großen Arenen. In der Rangliste der Deutschen mit den meisten Facebook-Fans liegt er mit 2,1 Millionen Anhängern auf Rang 10.

Fritz war bislang vor allem bekannt, weil er den Soundtrack zu „Berlin Calling“ mitproduziert und mit Paul den Rekord-Hit „Sky and Sand“ aufgenommen hatte. Seit 117 Wochen steht der Song in den Charts – länger als jedes andere Lied. Doch nun tritt Fritz aus dem Schatten seines Bruders. Mit der Single „Get A Life“ hat er dem bislang kommerziell erfolgreicheren Paul in den Charts zum ersten Mal den Rang abgelaufen. Und auf dem Album „Sick Travellin’“ beweist der Produzent, dass er auch ein kluger Songwriter ist.

Die 13 Tracks sind noch immer in erster Linie Chicago-House. Doch mit Studiomusikern hat Fritz Kalkbrenner Rhodes-, Bass- und Gitarren-Parts eingespielt. Immer öfter schwebt seine sanfte Soulstimme über die melancholischen Klängflächen. Dagegen brummen die minimalistischen Beats auf Paul Kalkbrenners am Freitag erschienenem Album „Guten Tag“ etwas einfältig. Ein Track-Titel wie „Kernspalte“ ist bezeichnend.

Während es der Ältere ordentlich krachen lässt auf dem Dancefloor, beschallt Fritz die Lounge und das Sofa. Beides jedoch ist Techno für Menschen, die keinen Techno mögen.

Hat 2,1 Millionen Facebook-Fans: Paul Kalkbrenner (35) macht Techno für den Club.

Als Jugendlicher stand Fritz Kalkbrenner auf HipHop. „Die Häuser in Berlin sind hässlich und hoch. Dazu hat HipHop gepasst“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, jobbte er bei einem Potsdamer Regionalfernsehsender, der „Wildwestfernsehen“ brachte. Er absolvierte ein Volontariat bei MTV und machte nebenbei Musik, irgendwann war er nur noch Musiker.

130 Auftritte absolvierte er im vorigen Jahr rund um den Globus. „Das macht man, bis man umfällt“, glaubt er. So weit ist es bei ihm noch nicht – auch wenn der Albumtitel darauf anspielt, dass Reisen krank macht. Fritz Kalkbrenner ist kein Asket, aber bei Partys bleibt er auch nicht bis zum Ende. Wenn er im Club auflegt, sind 90 Prozent der Gäste betrunken oder high, schätzt er. Der Ausnahmezustand ist im Techno normal.

Über sein Privatleben redet er nicht groß. Bruder Paul dagegen, der mit der Techno-Produzentin Simina Grigoriu verheiratet ist, erzählte uns, dass bei seinem letzten Umzug alle Sachen in ein Taxi passten, denn: „Ich möchte nichts besitzen.“ Die neue CD seines Bruders sollte er trotzdem im Schrank stehen haben. Sie ist wirklich gut.

Fritz Kalkbrenner: Sick Travellin’ (Suol). Wertung: Vier von fünf Sternen. 

Paul Kalkbrenner: Guten Tag (Paul Kalkbrenner Musik). Wertung: Drei von Fünf Sternen.

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