„Still Going“

DJ Bernd Kuchinke blickt auf dem neuen Album zurück

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Dieser Mann ist noch lange nicht auf dem Abstellgleis: Der Kasseler DJ Bernd Kuchinke (56). Foto: Jaschke

Kassel. Es ist acht Jahre her, dass der Kasseler House-DJ Bernd Kuchinke für sich einen Fünf-Jahres-Plan aufgestellt hat. „So lange mache ich das noch“, sagte er damals und nannte sich selbstironisch den „Uropa der Szene“. Nun ist Kuchinke 56 und er legt immer noch auf. Vom Fünf-Jahres-Plan und seinem Geschwätz von gestern will er nichts wissen. Er macht einfach weiter.

„Still Going“ hat der Waldauer, der in den 80er-Jahren mit Indiepop und House sozialisiert wurde, sein neues Album genannt. Es ist eine musikalische Bestandsaufnahme seiner letzten zehn Jahre, und er hat es als Promo-Exemplar an alle wichtigen Musikmagazine des Landes geschickt - in der Hoffnung, dass die „Spex“ vielleicht den Techno-Uropa aus Kassel entdeckt.

Neben einem selbstgeklebten Papier-Cover hat er einen kurzen Text dazu getan, in dem es heißt, dass er selbst nicht weiß, ob sich jemand für ihn interessieren wird, weil „ich nie über den Local-Hero-Status hinausgekommen bin“.

So was muss man sich auch erst einmal trauen im Musikgeschäft, in dem alle immer die Starken sein wollen. Aber Kuchinke hat bei allem, was er macht Charme und ein Gespür für die richtige Haltung im Pop. Die 15 elektronischen Tracks haben genau die richtige Mischung aus Dancefloor-Euphorie und der Melancholie vom Morgen danach. Auch die wummernde House-Nummer „Schneid“ ist auf dem Album, jener Track, der es auf einen Sampler des angesehenen Labels Ministry of Sound geschafft hat, aber eben dann doch nicht der Hit wurde, der er hätte werden können.

Trotz aller unerfüllten Träume kann Kuchinke von seiner Musik leben. Er hat sein Label Electric Romeo Records, auf dem er dank Internet selbst mit Künstlern aus Russland zusammenarbeitet. Und er ist weiterhin als Party-DJ gefragt. Er hat schon Hochzeiten bedient, auf denen das Brautpaar den ganzen Abend HipHop hören wollte. Manchmal legt er sogar Helene Fischer auf.

Für die Single „Still Going“ hat der Vellmarer Jochen Jaschke ein hübsches Retro-Video in Super-8-Ästhetik gedreht, in dem Kassel ausschaut wie Warschau. Man sieht Kuchinke rund um den Kulturbahnhof.

Einmal steht er rauchend auf einem stillgelegten Gleis. Manche denken jetzt, dass er vielleicht auf den Zug nach Nirgendwo warte, aber Kuchinke, der keinen Führerschein hat, ist doch der VW-Käfer: Er läuft und läuft und läuft.

Bernd Kuchinke: Still Going (Electric Romeo Records). Wertung: vier Sterne

Von Matthias Lohr

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