Bernhard Balkenhol über seinen Abschied im Kunstverein: "Die Kuratoren drehen durch"

Kassel. Heute verabschiedet sich Bernhard Balkenhol in der Mitgliederversammlung des Kasseler Kunstvereins als Vorsitzender - Anlass zu einem Gespräch über Anspruch und Zukunft des Vereins.

Nach 18 Jahren Vorsitz - wie schwer fällt es aufzuhören?

Bernhard Balkenhol: Nicht so schwer. Ich suche ja schon seit längerer Zeit nach Nachfolgern. Ich hab dieses Amt sehr gern ausgeübt, mit viel Engagement, Liebe und Idealismus, aber ich gebe es gern ab an eine jüngere Generation, die die gleiche Möglichkeit haben soll wie ich: Zu formulieren, wie sie die Entwicklung der künstlerischen Arbeit, der kunstbegrifflichen Auseinandersetzung, wichtiger Themen sieht. Das ist eine große Chance. Die sollte nicht an eine Person gebunden sein. Und ich hatte einen Vorteil: Ich bin kein Leiter einer Kunsthalle wie Rein Wolfs oder ein Kurator, der berühmt werden muss, der über den Kunstverein etwas werden wollte.

Viele Vereine haben Probleme mit ihrer Altersstruktur. Gelingt eine Verjüngung des Kunstvereins?

Balkenhol: Was den Vorstand angeht, mit Sicherheit. Es treten zwei Gruppen an, die beide sehr gut besetzt sind. Da sind viele jüngere Leute dabei. Wir haben immer versucht, eine gute Mischung zu finden, nicht nur vom Alter her, sondern von Interessen und Professionen. Insgesamt habe ich 28 Vorstandsmitglieder erlebt, in einer normalen, guten Fluktuation.

Was wünschen Sie dem Kunstverein?

Balkenhol: Dass der neue Vorstand eine gute Zusammenarbeit entwickelt, und eine spannende Diskussion um das, was der Kunstverein ist und sein kann. Ich hab ihn geführt als Forum der Auseinandersetzung um den aktuellen Kunstbegriff, das mit offenen Augen über den Tellerrand Kassels hinausguckt, was auf nationaler und internationaler Ebene stattfindet. Und gleichzeitig das, was in Kassel wächst, etwa an der Kunsthochschule, in diese Diskussion einbezieht - nicht umgekehrt. Diese Diskussion weiterzuführen, wünsche ich dem Kunstverein. Nur daraus fließen Idealismus, Neugier und Lust, auch Provokation, nicht aus dem Amt als Amt, und nicht allein daraus, dass man tolle Räume hat. Daraus muss man was machen.

Sie haben als Aufgabe nicht explizit verstanden, regionalen Künstlern eine Plattform zu geben. Warum nicht?

Balkenhol: Der Kunstverein ist aus seiner Geschichte heraus gerade keine Künstlervereinigung, in der Künstler sich selbst organisieren. Da gibt es genügend andere Organisationen, Produzentengalerien, den BBK. Der Kunstverein hat eine ganz andere Tradition: Frei denkende, der Aufklärung verpflichtete Bürger leisten sich jenseits von Kirche und Staat über tatkräftiges finanzielles und ideelles Engagement eine Diskussion über Kunst und Kultur. Das geht nicht ohne Künstler, ist ja logisch, und natürlich wollten das auch die Künstler selbst immer wieder in die Hand nehmen. Das ist aber immer wieder gescheitert. Das war auch nie Konzept in Kassel, und es greift auch zu kurz.

Es macht keinen Sinn, sich als regionaler Künstler selbst zu feiern und dadurch auch abzustempeln. Deswegen haben wie die Jahresausstellungen abgeschafft, weil sie die Künstler festlegen auf eine Region. Die Funktion des Kunstvereins ist aber, die regionalen Künstler - viele auch als Aufbauhelfer - so mit einzubeziehen, dass sie an dieser Diskussion auf oberstem Niveau teilnehmen können. Umgekehrt konnte ich als Botschafter Kassels diese Künstler überall vertreten.

Wird es nicht immer schwieriger, dieses Programm durchzuziehen, im Schatten der documenta und auch der viel größeren Kunsthalle?

Balkenhol: Die aktuellen Diskussionen, die die Kunstvereine angestoßen haben und bei denen sie Großes geleistet haben - in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren gab es noch keine Kunsthallen, die Museen haben noch keine Gegenwartskunst gezeigt - haben an Breite gewonnen, sie sind in den Museen angekommen. Das ist ja nichts Negatives, im Gegenteil. Aber das, was die Kunstvereine ausmacht, etwa als Scouts für junge Künstler unterwegs zu sein, ihnen teure, ortsspezifische Arbeiten zu ermöglichen, ist inzwischen auch der Ehrgeiz der Kunsthallen, wie wir auch bei Rein Wolfs gesehen haben. Aber Konkurrenz schadet nicht. Das ist ein sportlicher Wettkampf. Es gibt auch genügend Künstlerpositionen, die man zeigen kann.

Das Problem ist, dass diese Institutionen Sponsoren wegziehen. Die Etats sind in keiner Weise vergleichbar. Unsere aktuelle Ausstellung kostet genau ein Prozent von der Jordaens-Ausstellung der MHK nebenan. Das Verhältnis zur Kunsthalle ist eins zu zehn. Wir müssen daran arbeiten, dass die Sponsoren wieder mehr die bürgerlichen Institutionen fördern.

Der Kunstverein muss alle fünf Jahre seine Räume im Fridericianum für die documenta freimachen. Ist das auch ein Gewinn oder nur Bürde?

Balkenhol: Die documenta war immer ein Gewinn. Der Kunstverein hat sie unterstützt und gefördert. Wir hatten immer ein positives, konstruktives Verhältnis, das wird auch so bleiben. Der Umzug ins Fridericianum 1993 war ja umstritten und mutig. Aber dieser Standort ist völlig richtig, er wird hervorragend bespielt, wir brauchen uns da nicht zu verstecken. Während der documenta ziehen wir uns gern in temporäre Räume zurück. Wir sind dann nicht weg, machen stattdessen ein kleines paralleles Programm, ohne Konkurrenz zu sein. Dass wir die leeren Räume jedes Mal nach der Rückkehr neu gestalten müssen, ist natürlich auch eine Herausforderung. Aber sie ist - inzwischen auch finanziell - tragbar. Wir wollen auf diesen Ort nicht verzichten.

Wenn man nicht den Ehrgeiz und den Alleinvertretungsanspruch für Gegenwartskunst in Kassel eines Rein Wolfs hat - und wie ihn auch die letzte documenta-Leiterin hatte -, dann kann man auch konstruktiv zusammenarbeiten, wie es zu Zeiten René Blocks der Fall war, als wir eine gemeinsame Zeitschrift und viele gemeinsamen Eröffnungen hatten. Da gab es eine unabhängige, aber sehr befruchtende Arbeit ohne Konkurrenz im Haus. Das kann Kassel und der Kunst nur gut tun.

Mit Rein Wolfs gab es Reibereien?

Balkenhol: Es gab keinen Streit, sondern ein toleriertes Nebeneinander. Er hatte den Anspruch auf das ganze Haus, wollte niemanden neben sich haben. Das war sein privates Ego. Das hatte mit der Arbeit, die wir machen, nichts zu tun. Uns hat das auch nicht geschadet. Aber es provoziert. Diese unangenehme Erfahrung des Alleinvertretungsanspruchs hatten wir leider auch mit der letzten documenta-Leiterin. Das hat aber mit der Kunst und den Künstlern nichts zu tun. Es sind die Kuratoren, die durchdrehen, nicht die Künstler.

Wie wichtig ist die Anbindung an die Kunsthochschule?

Balkenhol: Das ist eine gewissermaßen natürliche, historische Verbindung bis zurück ins 19. Jahrhundert. Der Kunstverein ist schon von Professoren gegründet worden. Er ist aber völlig unabhängig. Wir sind weder eine Zweigstelle der Kunsthochschule, noch braucht diese den Kunstverein. Die Zusammenarbeit ergibt sich aus Projekten. Sie ist so frei und unproblematisch wie mit vielen anderen Institutionen. Und warum sollte man sich voreinander verstecken?

Wollen Sie sich künftig ganz zurückziehen oder sich anderweitig engagieren?

Balkenhol: Ich habe nach wie vor so viele Aufgaben, dass ich immer noch zu viel mache, wenn ich den Kunstverein weglasse. Ein Freund hat schon gesagt: Glaub ja nicht, dass du dich jetzt aus der Verantwortung für die Stadtgesellschaft verabschieden kannst. Ich habe mindestens drei Jobs für dich.

Von Mark-Christian von Busse

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