Berühren, ohne aufzutrumpfen: Kasseler Bußtagskonzert

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Brahms-Requiem im Kasseler Bußtagskonzert: Bariton Karl-Magnus Fredriksson und Dirigent Patrik Ringborg.

Kassel. Der Übergang von Tore Takemitsus Requiem für Streicher zu Brahms’ Deutschem Requiem war fließend.

Generalmusikdirektor Patrik Ringborg ließ beim Bußtagskonzert des Staatsorchesters in der Kasseler Stadthalle das instrumentale Werk des japanischen Avantgardisten einfach in den tastenden Beginn des Eingangssatzes „Selig sind, die da Leid tragen“ hinübergleiten.

Eine Entscheidung von einiger Bedeutung. Denn dem an Ausdrucksnuancen reichen, aber durchweg filigranen Streicherstück Takemitsus von 1957 ist jede auftrumpfende Geste fremd. Diese zurückgenommene Haltung nahm Ringborg in das Brahms-Requiem mit hinein, das ja oft genug mit dem Pathos auftrumpfender Selbstgewissheit beladen wird.

Dass dies Brahms nicht gerecht wird, spürten seine Zeitgenossen, und um jeden Glaubenszweifel auszuschließen, wurde 1868 bei der Bremer Uraufführung und bei zahlreichen weiteren Aufführungen die Händel-Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ eingefügt.

Um die Momente von Brüchigkeit und kraftvoller Zuversicht in den sieben Requiemssätzen auszublanacieren, bedarf es vor allem eines fein und flexibel reagierenden Chores. Ringborg animierte den riesigen Apparat aus Opernchor, Extrachor und Kasseler Konzertchor zu einem (fast) ebenso reaktionssicheren Musizieren wie das gut aufgelegte Staatsorchester. Und die kraftvollen Tutti „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ und natürlich im sechsten Satz „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“ gelangen weitgehend ohne zu Forcieren.

Dennoch gab es immer wieder auch Spannungsabfälle, Momente, denen es an Prägenanz fehlte, wie phasenweise im Schlussatz. Einen zwiespältigen Eindruck hinterließen auch die Solisten. Während der schwedische Bariton Karl-Magnus Fredriksson mit schlicht und frei fließendem, reich timbriertem Gesang für sich einnahm, enttäuschte die amerikanische Sopranistin Alexandra Coku mit einer prätentiösen Gestaltung des „Ihr habt nun Traurigkeit“, die keinen Spannungsbogen aufkommen ließ.

Freundlicher Beifall zum Schluss in der ausverkauften Stadthalle.

Von Werner Fritsch

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