Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino liest aus seinem neuen Buch „Wenn wir Tiere wären“

Die Besänftigung des Innenlebens

Wilhelm Genazino

Kassel. Mitten in der Stadt steht die Ente auf einem Bein und schläft. Der Mann, der da im Café sitzt, hat sie entdeckt beim Blick aus dem Fenster, beobachtet sie, schaut, räsoniert. Die Betrachtung des Tiers führt bei ihm zur „Besänftigung des Innenlebens“, sagt Wilhelm Genazino, Schriftsteller und Büchner-Preisträger, bei der Literaturmatinee am Sonntagmorgen im Kulturbahnhof, wo er aus seinem neuen Buch liest.

Der Titel: „Wenn wir Tiere wären“. „Und was wäre dann?“, fragt Moderator Florian Schwinn von HR2-Kultur. Genazino auf den Podium zögert, überlegt und meint dann: „Wir hätten keinen Denkzwang und auch nicht den Glückszwang, diese fürchterlichen Heimsuchungen der Menschen.“

Genazino beim Abschluss des Sparda-Erzählfestivals zu hören, schenkt wieder und wieder Glücksmomente. Der „bewährte Mythologe des Alltags“, wie einmal eine Zeitung formulierte, beschreibt wie kein anderer die alltägliche Verlassenheit und das ständige Scheitern rastloser Großstadtmenschen: reflektierende Helden, die dann noch immer wieder bei ihren inneren Gedankenmonologen und Oratorien von der Außenwelt gestört werden. Und meistens sind das Frauen.

In dem neuen Werk des in Frankfurt lebenden Autors heißen sie Maria und Thea, hungrig auf eine Erlebnis- und Eventwelt, verliebt in den schönen Schein.

Genazino liest an diesem Sonntagmorgen drei Passagen aus seinem Buch und führt im Gespräch mit dem Moderator die Gedankenspiralen seines Ich-Erzählers weiter. Sind wir nicht alle Getriebene von Arbeitsdruck und Schnelligkeit, Soldaten des Alltags, die in den Burn-out trudeln? Wo bleibt da der Wille zum Abseits, zum Abgelegenen, zum Stillen, einfach eintauchen in die ruhige Beobachtung von Tieren? Eben dieser Ente in der Stadt oder einem Grashüpfer in der Hand.

Der Protagonist Genazinos träumt sich dann hinein in die Erinnerungen an seine Kindheit, aber er fürchtet sich auch voraus in das nahende Alter, in die Zumutungen dieses Lebensabschnittes. Ironisch, witzig, böse, poetisch und ganz nah bei uns, so kann es nur der Büchner-Preisträger.

Wilhelm Genazino: „Wenn wir Tiere wären“, Hanser Verlag, 160 Seiten, 17,90 Euro.

Von Juliane Sattler

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