Mick Hucknall setzt nach dem Simply-Red-Aus mit seinem Soloalbum auf Klassiker

Der Beschwörer des Soul

Verneigung vor der Soul-Musik: Mick Hucknall. Foto:  Warner

Wie ein Märchenfilm fängt die Platte „American Soul“ an. Flirrend und verträumt setzt die Musik ein. Ein beschwörender Moment der Magie. Bis der Beat beginnt, und Otis Reddings „That’s How Strong My Love Is“ erklingt.

Mick Hucknall, Frontmann-Legende der Soulpop-Combo Simply Red, hat nach dem endgültigen Aus der Band jetzt ein Soloalbum aufgenommen, dass dem amerikanischen Soul huldigt. Zwölf Titel nimmt der britische Sänger sich vor, mal legendäre wie „Don’t Let Me Be Misunder-stood“ von Nina Simone (1964), mal neuere wie „Hope There’s Someone“ von Antony And The Johnsons (2005).

Hucknall gibt den Titeln eine eigene Note, färbt sie quasi passend zu seiner Stimme ein und ist sich gleichzeitig bewusst, dass die Originale in Ausstrahlung und Arrangements kaum verbessert werden können. Es ist sympathisch und lässt dem Album bei allem Qualitätsanspruch eine gewisse Lässigkeit, dass er das auch gar nicht versucht.

Hucknall versteht sich vielmehr als eben dieser Magier, der einen Klangraum, eine Atmosphäre heraufbeschwört. Das klingt wie aus kraftvoll-treibenden Motown-Tagen, wenn er Tyrone Davis’ „Turn Back The Hands Of Time“ eine unaufhaltsame Steigerung verleiht, die in ihrer Unbedingtheit mitreißt. Auch die scharfen Background-Chöre fehlen nicht. Nach schmutzigem Blues mit Gitarrensolo hört sich Jimmy Reeds „Baby What You Want Me To Do“ an.

Schwebend und wundervoll sphärisch kommt Perry Comos unvergänglicher Hit „It’s Impossible“ daher, den Hucknall mit 13 Jahren kennengelernt hat – als er sich für 18 ausgab und als Kellner in einem Arbeiterclub jobbte.

Die große Kapelle wird aufgefahren bei „I Only Have Eyes For You“ von den Flamingos, bei denen der 52-Jährige seine Crooner-Qualitäten voll aussingen kann – ein Song wie eine warme Badewanne. Manches erinnert stilistisch an die Hits von Simply Red wie „Money’s To Tight (To Mention)“ oder „If You Don’t Know Me By Now“, die sich auch aus der Fibel des Soul bedienten.

Zu den Höhepunkten auf „American Soul“ zählt das wunderschöne „Tell It Like It Is“. Es wirkt, als hätten die Schöpfer George Davis und Lee Diamond erst vergangenes Wochenende den Bleistift gezückt, um es zu schreiben – und nicht schon 1965 (für Aaron Neville). Mit seinem winzigen Gitarrenintro und der dann folgenden klanglichen Entfaltung glänzt es in Mick Hucknalls Aneignung kostbar wie eine gerade auf dem Meeresgrund gefundene Perle.

Mick Hucknall: American Soul (Warner), Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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