Medienkunstausstellung Monitoring beim Kasseler Dokfest

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Oli Sorenson projiziert schwarz-weiße Streifen auf unterschiedliche dreidimensionale Formen.

Kassel. Im Südflügel des Kasseler Kulturbahnhofs, im großen Saal im Erdgeschoss, ist es still. Ungewöhnlich für eine Medienkunstausstellung wie Monitoring, die zum 16. Mal das Dokumentarfilm- und Videofest ergänzt.

Nur ein 16-mm-Projektor rattert vor sich hin. Ein altmodisches, aber vertrautes, schönes Geräusch.

Sascha Pohle präsentiert Kartons von Geräten wie iPads und iPhones in grau flimmernden Filmbildern. Verpackungsmüll wird zu Skulpturen oder archäologischen Fundstücken. Pohle bezieht sich auf einen Film von Alain Resnais und Chris Marker (1953), die die westliche Inanspruchnahme afrikanischer Kunst und deren Verwandlung zur Ware geißelten. Heute fragt der Künstler, wie sehr wir Unterhaltungsgeräte zu Fetischen erheben.

Es lohnt sich diesmal bei Monitoring - das schon stärkere Jahrgänge hatte, aber natürlich gleichwohl eine wichtige Säule des Dokfests bleibt - gerade die entlegensten Winkel aufzusuchen. Deshalb Tipps zu eher versteckten unter den insgesamt 17 Arbeiten.

Tilmann Aechtners „Avatare“ wollen sich loswinden, bleiben aber aneinandergekettet.

Simona Koch hat - zu sehen auf vier Monitoren im Obergeschoss - die wechselnden Grenzverläufe in Europa, den USA, Afrika und im Nahen Osten mit Bleistift jeweils auf eine Tafel gezeichnet, immer wieder ausradiert und durch neu gezogene Linien ersetzt. Das beschleunigt sie im Zeitraffer zum flüchtigen, wilden Gewusel: Vom Limes bis zur Wiedervereinigung in zwei Minuten.

Sehr viel Zeit nimmt sich Pim Zwier in seiner genauen filmischen Erkundung der zoologischen Sammlung der Universität Halle-Wittenberg. Der Niederländer gewährt Einblicke in die fremde, fast zeitlos-altertümliche Welt der Sammlung, die für die Präparatoren jedoch ihre alltägliche, selbstverständliche Arbeitsumgebung darstellt. In faszinierenden Bildern zeigt er, wie Tiere konserviert werden. Ein Beitrag, der über Vergänglichkeit, Wertschätzung, Archivierung nachdenken lässt. Es scheint, als werde das Leben selbst konserviert.

Henrike Naumann stellt im Stellwerk Jugendzimmer-Einrichtungen der 90er-Jahre nach, in denen sie zwei VHS-Filme zeigt.

Henrike Naumann, die aus Zwickau stammt, setzt sich mit der „Zwickauer Terrorzelle“ auseinander. Wie sah das Leben des Trios aus, das später den „Nationalsozialistischen Untergrund“ bilden sollte, ehe es den Sprung in die Illegalität unternahm? Naumann hat Szenen aus Jena Anfang der 90er-Jahre mit Schauspielern nachgedreht und zu dem VHS-Film ein passendes Jugendzimmer-Setting im Stellwerk im Kulturbahnhof aufgebaut, Reichskriegsflagge und Baseballschläger inklusive. Gegenüber eine weitere Einrichtung, ein zweiter VHS-Film. Junge Leute feiern Party auf Ibiza: Coolness, Knutschen, Koks. Zwei Extreme der Besinnungslosigkeit.

„Our Body is a Weapon“ sind die Filme von Clarisse Hahn betitelt. Sie zeigt aus Mexiko und der Türkei Beispiele dafür, wie Frauen ihre Körper als Waffe in politischen Auseinandersetzungen einsetzen. Vor allem die erschütternden Großaufnahmen der Gesichter zweier Kurdinnen, die noch nach vielen Jahren unter den Folgen ihres Hungerstreiks im Jahr 2000 leiden, brennen sich ins Gedächtnis.

Künstlergespräche Donnerstag, 17.30 Uhr und 19 Uhr, in der Caricatura

Von Mark-Christian von Busse

Hintergrund: Ausstellung läuft bis Sonntag

Lageplan und Infos unterwww.kasselerdokfest.de

Die 17 Beiträge zu Monitoring, die eine Jury aus fast 300 Einsendungen ausgewählt hat, bilden ein denkbar breites Spektrum an Medienkunst - vom tollen animierten Pop-up-Buch des Kasselers Dennis Stein-Schomburg bis zur Interview-Sammlung über „Das Geld und die Griechen“ von Florian Thalhofer, aus der der Besucher per Mausklick Sequenzen auswählen kann. Zu sehen ist Monitoring als Bestandteil des Dokumentarfilm- und Videofests im Kulturbahnhof (Südflügel und Stellwerk), in der Nachrichtenmeisterei hinter dem Kulturbahnhof, im Kunstverein (Werner-Hilpert-Str. 23) und in der Galerie Coucou (Werner-Hilpert-Straße 8). Geöffnet Fr/Sa 17-22 Uhr, So 17-20 Uhr. Eintritt frei.

Interview zum Dokfest

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