Ein besonderer Weihnachtsfilm: Die Kino-Doku „Winternomaden“

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Der Kälte und dem Schnee ausgesetzt: Carole Noblanc führt die Schafherde an - eine Szene aus der Schweizer Doku „Winternomaden“.

"Disneyland“, sagt Pascal Eguisier verächtlich. Er schaut auf ein Neubaugebiet. Wo bis vor kurzem Wiesen waren, ist das Land zugebaut. Carole Noblanc kauft im Supermarkt ein. Durchsagen preisen Lammfleisch aus Neuseeland an. Es klingt absurd.

Denn Pascal und Carole sind Hirten. Mit 800 Schafen, vier Hunden und drei Eseln ziehen sie vier Monate durch die Schweizer Winterlandschaft. Sie sind „Winternomaden“. So heißt der mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnete Film von Manuel von Stürler, der sie in Regen, Kälte und Schnee begleitet hat.

Seit 32 Jahren ist Pascal Schäfer, die Tradition des winterlichen Viehtriebs stammt aus der Gegend um Bergamo. Die Schafe fressen, was nicht abgeernet wurde, so werden sie „ordentlich gemästet“, sagt Pascal, sie sind alle „für den Kochtopf bestimmt“.

Dennoch bestimmt Respekt für die Tiere, Sorge um den guten Zustand vor allem der Hunde, Esel und Leitschafe ihren Alltag. Pascal und Carole lagern auf Fellen, unter einer Plane, putzen Zähne am Bach, die Brotzeit ist karg. Nur ab und an gibt es eine heiße Dusche. Aber an Weihnachten Austern und Kuchen. „Der Beruf wird aussterben“, sagt Pascal. Rund um die Uhr Verantwortung für die Tiere, keine Wochenenden, keine Urlaube, junge Leute schreckt das ab. Bis auf Carole.

Pascal ist ein strenger Lehrherr. Ihr Zusammensein ist auch ein Kräftemessen. Es geht nicht ohne Autorität, klare, schnelle Entscheidungen, wenn man 800 Schafe sicher führen will. Bauern sehen in ihnen Krankheitsüberträger, fürchten um frisch gesäten Klee, verbieten das Überschreiten der Felder, Autofahrer drängeln voller Ungeduld. Doch manche Anwohner bringen eine warme Mahlzeit.

Unaufdringlich, aber aufmerksam beobachtet die Kamera. Von falscher Romantik keine Spur. Viel aber ist zu spüren von Leidenschaft für diesen Beruf, vom Kreislauf der Natur, vom Eingebettetsein in einen selbstverständlichen Rhythmus. „Ein Schäfer darf nicht hetzen“, sagt Pascal. Hier lässt sich nichts beschleunigen. Auch der Film ist behutsam. Er kommt ohne Interviews und Kommentare aus.

Natürlich muss man in diesen Tagen an die Hirten von Bethlehem denken, wenn Pascal und Carole am Lagerfeuer sitzen. Schnee schmilzt im Topf, bald dampft Tee, es ist still, nur die Äste knacken im Feuer. „Es ist weihnachtlich“, heißt es einmal im Film, und dies ist tatsächlich ein Weihnachtsfilm der besonderen Art.

Genre: Dokumentarfilm

FSK: ohne Altersbeschränkung

Wertung: vier von fünf Sternen

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