„Die Kunst der Entschleunigung“: Rasante Schau zum Tempo in Wolfsburg

Besser ist Eile mit Weile

Rasanz in der Malerei: Ein Ölgemälde von Tullio Crali, „Le forze della curva“, von 1930.

Wolfsburg. Um Bewegung und Ruhe geht es in einer Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg. Aufgeboten sind 164 Werke von 85 internationalen Künstlern - von Caspar David Friedrich bis Andreas Gursky und von William Turner bis Ai Weiwei.

Immer schnellere Transportmittel, Kommunikationswege und Produktionsverfahren haben das Lebenstempo enorm beschleunigt: Die Geschichte der Moderne wurde bislang als die einer Beschleunigung aufgefasst, sagt Museumsdirektor Markus Brüderlin. Aber seit einiger Zeit habe sich ein Schlagwort in den Medien breitgemacht, das zu einem Schlüsselbegriff für das zunehmende Unbehagen an der globalen Nonstop- und Highspeed-Gesellschaft geworden sei: Entschleunigung. Und die ist seit jeher neben der Tempobolzerei ein wesentliches Thema in der Kunst.

Die Schau bietet einen rasanten Rundkurs, der von Ruhezonen unterbrochen wird. Auf einem Sockel sitzt Aristide Maillols überlebensgroßer weiblicher Bronzeakt mit dem Titel „Das Mittelmeer“ (1905-1907). Das von der Linken gestützte Haupt ist gebeugt. Die Figur ist die in tiefes Nachdenken versunkene Ruhe selbst. Das Gegenteil ist der Bronzetorso „Schreitender Mann“ (um 1900). Auguste Rodin hat ihn als Verkörperung der Betriebsamkeit geschaffen.

Den Höhepunkt an Hektik und Reizüberflutung bietet Nam June Paiks Videoinstallation „Stock (Brandenburger Tor)“ (1992). Das Berliner Wahrzeichen ist aus 217 Monitoren nachgebaut, über die in blitzschneller Schnittfolge Videos flimmern. Der Bildersturzflut wird man am besten Herr, wenn man sie einfach als wechselnde Farbmuster wahrnimmt. Das zweite Werk Paiks - der „TV-Buddha“ (1997) - sorgt für Entschleunigung. Aus einer mit Erde gefüllten Eisenwanne ragt der steinerne Kopf einer Buddhafigur in genügsamer Betrachtung seiner selbst auf einem ihm gegenüberstehenden Monitor.

Am Ende trifft man auf Hussein Chalayans befremdliche 5-Kanal-Videoinstallation „Place to Passage“ (2003). Man ist von fünf Leinwänden umringt, auf denen man eine futuristische Hochgeschwindigkeitsreise von London nach Istanbul beobachten kann. In einer knapp über dem Erdboden dahinrasenden Kapsel sitzt eine Frau. Die Landschaft rast dahin, während das offenbar ferngesteuerte Gefährt stillsteht. Man hat den Eindruck, die Frau ist allein auf der Welt - die letzte unserer Art? Die Frau isst und trinkt. Dann scheint sie sich ein Bad einzulassen. Das Wasser steigt ihr bis zum Hals und bis unter die Decke ihrer Kapsel. Mit Hochgeschwindigkeit in den Untergang?

Hartmut Böhme, Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte, mahnt im Katalogbeitrag: Wer sein Ziel erreichen will, „muss das optimale Tempo finden, nicht das maximale. Die ,Kunst der Verlangsamung’ führt schneller zum Ziel.“

Bis 9.4., Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Di 11-20, Mi-So 11-18 Uhr, Tel. 05361-26690, www.kunstmuseum-wolfsburg.de. Katalog (Hatje Cantz): im Museum 39 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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