Die beste Band der Welt: The Notwist im Kulturzelt

Zerlegten jeden ihrer Songs: Notwist-Sänger Markus Acher (vorn) und Martin Gretschmann. Foto: Fischer

Kassel. Ich bin zugegeben der Falsche, um eine objektive Kritik von The Notwist im Kasseler Kulturzelt zu schreiben. Von all meinen Lieblingsbands ist die aus dem oberbayerischen Weilheim stammende Formation die wichtigste. Ich hätte den Auftritt auch super gefunden, wenn die sechs Musiker um die Brüder Markus und Micha Acher keinen einzigen Ton gespielt hätten.

Bei allen anderen Gruppen hätte ich es wahrscheinlich doof gefunden, wenn der Frontmann fast zwei Stunden lang nichts sagt außer „Hallo, guten Tag“ und mehrmals „tausend Dank“. Bei Sänger und Gitarrist Markus Acher ist das anders. Die Musik von The Notwist sagt mehr als 1000 Worte. Zum Beginn spielen sie einen neuen Song des 2014 erscheinenden Albums, den bislang noch keiner der mehr als 600 Fans gehört hat. Achers warme Stimme umarmt einen, dann setzen die Gitarren ein, und Martin Gretschmann sorgt mit seinem Sampler für ein wohliges Pluckern.

Das sind die Koordinaten, die den Notwist-Sound bestimmen. Die einstige Hardcore-Combo schafft durch elektronische Flickereien eine wunderbare Melancholie. Dieser Indietronic-Stil war so wegweisend, dass Journalisten Weilheim zum neuen Seattle erklärten. Ihre Musik lief in zig Filmen und TV-Reportagen.

In Kassel zerlegen The Notwist jeden Song, so dass er wie neu und doch vertraut klingt. Bei „This Room“ scratcht Markus Acher wie ein DJ eine Vinyl-Scheibe. Aus dem lärmenden Sog von Schlagzeug, Bass, Keyboard und Vibrafon entwickelt sich ein hypnotischer Sound zwischen Techno-Club, Krautrock und Jazz-Improvisation. Dazu sampelt Elektroniker Martin Gretschmann fiepende Alltagsgeräusche.

Während die Achers die Köpfe der Band sind, ist der Wuschelkopf mit der Hornbrille das Gesicht, weshalb er ebenfalls ganz vorn steht. Bis früh in den Morgen wird er im Kasseler Club A.R.M. noch Minimal Techno auflegen. Dabei ist er eigentlich viel zu müde, wie er nach dem Konzert gesteht, als er vor dem Zelt Autogramme schreibt und mit Fans redet. The Notwist sind nicht nur die besten, sondern auch die sympathischsten Musiker.

Zwischen den lautstark geforderten Zugaben sagt Markus Acher: „Vielen Dank. Das war sehr schön.“ Quatsch. Es war großartig.

Von Matthias Lohr

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