Thomas Freitag blickte in Baunatal auf seine lange Laufbahn als Kabarettist zurück

Das Beste kommt zum Schluss

Kabarett-Klassiker: Thomas Freitag band Parodien von Brandt, Strauß und Wehner geschickt in ein „Best of“ ein. Foto: Fischer

Baunatal. Die Bürokratie ist ein penibler Tagebuchautor. Fehlen am Ende eines Arbeitslebens einige Seiten für den Rentenbescheid, gleicht ihr Aufspüren einer Trüffeljagd. Die Wohnung wird auf den Kopf gestellt, man wühlt in Kisten, kramt Erinnerungen hervor. Kabarettist Thomas Freitag hat daraus ein großartiges Programm gemacht.

„Das Beste“ heißt es und ist ein „Best of“ seines Schaffens seit 1976. Das Fazit seines Auftritts am Samstagabend beim Baunataler Sommer: Selten so gelacht. Vom Bauchmuskelkater wegen Zwerchfell-Detonationen dürften nur die wenigsten der 200 Besucher verschont geblieben sein.

In alten Kartons wühlt Freitag als Vorruheständler nach Belegen und Urkunden, die die Rentenkasse angemahnt hat, und verknüpft die Jahreszahlen zur kabarettistischen Rückschau auf sein Bühnenleben. „Jetzt bin ich 60, Heesters würde sagen, die Hälfte des Lebens ist rum.“ Auch der nächste Gag zündet Lachsalven: „Neulich haben die einer 105-Jährigen eine Aufforderung zur Einschulung geschickt. Zum Glück haben sich deren Eltern beschwert.“

Immer wieder fallen Jahreszahlen, die Freitag zu Seitenhieben auf die Politik nutzt: „1982? Was weiß ich, was ich da gemacht habe. Ein Ausbildungsnachweis fehlt? Unserer Regierung fehlt der doch regelmäßig.“ Doch diese ersten 20 Minuten waren erst die Aufwärmphase.

Das Beste sollte noch folgen: Thomas Freitag als Parodist: Seine Altstars Herbert Wehner, Willy Brandt und Franz-Josef Strauß müssen sich im Altenheim ein Zimmer teilen. Die Sprüche waren fast Nebensache. Die Verwandlung animierte die Besucher zu Lachkrämpfen. Ton, Gesten, Mimik – große Klasse. Weiterer Höhepunkt: Freitag als Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki widmet sich der Kritik des Liedes „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“.

Freitags Auftritt war ein absoluter Genuss. Was überraschte und begeisterte: Es präsentierte sich nicht in erster Linie ein bissiger Kabarettist, sondern ein spielfreudiger Humorist, Künstler, Schauspieler, ja sogar ein gefühlvoller Lyriker. Freitag zitierte Gedichte und brachte Spielszenen aus literarischen Texten, etwa von Kleist. Brodelnder Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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