Martins-Kantor Eckhard Manz über die spätere Fassung von Bachs Johannespassion

„Beste Opernmusik der Zeit“

Kassel. „Ist das die Johannespassion?“, könnten sich Konzertbesucher am kommenden Sonntag fragen, wenn die Kantorei St. Martin Bachs berühmtes Werk in einer veränderten Fassung aufführt. Wir sprachen mit Kantor Eckhard Manz.

Herr Manz, warum führen Sie die Johannespassion diesmal in der veränderten Fassung auf, wie sie ein Jahr nach der Uraufführung 1724 erklang?

Eckhard Manz: Weil diese Fassung Arien und Chöre enthält, die kein Mensch kennt. Und dabei ist eine Arie schöner als die andere.

Kenner werden gleich zu Beginn den Chor „Herr, unser Herrscher“ vermissen, der durch die Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ ersetzt ist. Was sind die wesentlichen Veränderungen?

Manz: Bach hat in der Fassung von 1725 an den Anfang und an den Schluss der Passion Choralbearbeitungen gesetzt. Dazu kommt, dass die neu aufgenommenen Arien den dramatischen Gestus der Passion noch steigern. So ist die Bass-Arie „Himmel, reiße“ in der Besetzung mit zwei Flöten, wenn man so will, die beste Opernmusik jener Zeit. Insgesamt ist etwa ein Drittel der Passion verändert, zwei Drittel entsprechen der ursprünglichen Fassung von 1724.

Verändert Bach mit der Neufassung auch die theologische Aussage der Johannespassion?

Manz: In der ersten Fassung setzt Bach ganz ausdrücklich den Akzent auf Jesus Christus als den Herrscher. Schon der Eingangschor macht dies unmissverständlich klar. In der zweiten Fassung betont Bach viel stärker das Leiden Jesu. Und er stellt sehr deutlich die Frage, wer dieses Leiden verursacht - wir Menschen. Bach wirft also das Leiden Jesu auf uns zurück.

Die Kantorei St. Martin wird zum ersten Mal seit Längerem von einem Barockorchester begleitet. Eine neue Ausrichtung?

Manz: In meiner vorigen Position in Essen habe ich Bach immer mit Barockinstrumenten aufgeführt. In Kassel ging es mir zunächst darum, die Region und ihre Musiker wahrzunehmen. Diesmal sind im Orchester Musiker von außerhalb, aber auch solche aus Kassel vertreten. Das Instrumentarium sollte sich immer am Stil der Musik orientieren.

Aufführung: Sonntag, 17 Uhr, Martinskirche. Karten zu 22 (18), 16 (12) und 10 (7) Euro unter Tel. 0561 / 918 88 61.

Von Werner Fritsch

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