Das beste Schlechte: Kasseler Caricatura zeigt Cartoons aus „New Yorker“

Ganz schön Böse: Cartoons von Kim Warp (oben) und Tom Cheney. Repros: Caricatura

Kassel. Der „New Yorker“ ist vermutlich das intellektuellste Stadtmagazin der Welt, berühmt für seine hochkarätigen Essays, Reportagen und Kurzgeschichten - und für seine Cartoons.

Etwa 50 Stammzeichner produzieren Woche für Woche um die 500 Zeichnungen, von denen es aber nur jede zehnte ins Blatt schafft.

Und der Rest? Der wäre für alle Zeiten in den Schubladen verschwunden, wenn Matthew Diffee, selbst Cartoonist beim „New Yorker“, nicht die Idee gehabt hätte, das Beste als Buch zu veröffentlichen. Dass eine Auswahl nun auf Deutsch erschienen ist, bietet der Kasseler Caricatura den Anlass für eine Sonderausstellung.

Caricatura-Austellung: Cartoons - The Rejection Collection

Der „New Yorker“ sei feinsinnig und und politisch korrekt, sagt Diffee, der zur Eröffnung in Begleitung seiner Kollegen Roz Chast und Jack Ziegler anreiste. Aber wenn ihnen etwas einfalle, das schmutzig und ungezogen sei, zeichneten sie es eben trotzdem, auch auf die Gefahr hin, dass der Stapel unveröffentlichter Zeichnungen weiter anwachse.

Die Gründe für die Ablehnung sind so vielfältig wie undurchsichtig. Diffee versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, indem er zehn Kategorien formuliert und dankenswerterweise auch gleich mit eigenen Arbeiten illustriert, die dem Ausstellungsbesucher einen guten Einstieg ermöglichen.

„Manche Ideen sind einfach blöd, manche auch eklig.“ Bei einigen kann man sich gut vorstellen, warum sie der Redaktion zu heikel waren. Mit Witzen über Kindstot etwa wäre man auch hier vorsichtig, nicht zu reden vom Umgang mit dem Holocaust, ein Thema, vor dem Jack Ziegler nicht zurückschreckt. Aber wer die ultimativen Tabubrüche erwartet, der könnte enttäuscht werden: Jedes zweite „Titanic“-Cover ist gewagter als das meiste in der Caricatura.

Auch ist nicht alles überragend gut. Vor allem wenn es um sexuelle Anspielungen geht, wirkt manches weniger schockierend als schockierend platt. Etwa dies: „Eigentlich hätte es ein offener Sarg sein sollen, aber er starb an einer Überdosis Viagra“ Brillant ist vor allem das, was dem „New Yorker“ offenbar zu seltsam, zu düster oder zu politisch war; gestörte Kommunikationssituationen, Kommentare zum europäischen Karikaturenstreit, lakonische Grausamkeiten wie das Postermotiv der rauchenden Mutter und dem geblendeten Kind.

Und häufig darf man auch rätseln, was wohl den Ausschlag für die Ablehnung gegeben hat. Eine Taube, die sich vom Werk des abstrakten Malers Jackson Pollock inspiriert fühlt und so das intellektuelle Gespräch über Kunst persifliert? Was war hier das Problem? „Zu skatologisch“, meint Diffee. Mit anderen Worten: Wenn es um Exkremente geht, ist für den „New Yorker“ Schluss mit lustig.

Caricatura, Kulturbahnhof Kassel, bis 29. April. Geöffnet: Do + Fr 14-20 Uhr, Sa, So + Feiertage 12-20 Uhr.

Matthew Diffee: Die besten Cartoons die der New Yorker nie druckte. Liebeskind, 96 Seiten, 18,90 Euro.

Von Fabian Fröhlich

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