Beste Unterhaltung mit Roger Willemsen beim Erzählfestival

Zog die Zuhörer in seinen Bann: Roger Willemsen beim Sparda-Erzählfestival. Foto: Fischer

Kassel. Einen „literarischen Nomaden“ nannte der Moderator Heiner Boehncke den ersten Gast des achten „Sparda-Erzählfestivals“, und damit charakterisierte er ihn treffend.

Denn Roger Willemsen unternimmt Reisen: nach Deutschland, nach Afghanistan, an die „Die Enden der Welt“ (2010) - oder in die eigene Biografie wie in seinem neuesten Buch „Momentum“ (S. Fischer Verlag, 23,70 Euro).

Für eine Autobiografie ist der 57-Jährige allerdings noch viel zu jung. Und so ergibt sich in „Momentum“ aus verdichteten Augenblicken ein Leben, das weitgehend sein Leben ist. Viel Heiteres findet sich darunter, manch Besinnliches und auch richtig Ernstes. Willemsens Kunst ist der Umgang mit der Sprache, dem sich der Inhalt, so scheint es, manchmal unterzuordnen hat.

Die Zuhörer in der SpardaBank am Ständeplatz folgten den „Momenten“ mit Amüsement. Zum einen ergab sich eine teils leichte, teils groteske Unterhaltung, zum anderen auch ein tief in die menschliche Psyche fallender Blick.

War Willemsen bei der Lesung an das kunstvoll geschriebene, gelegentlich auch manierierte Wort gebunden, so blitzte seine überragende Intelligenz im ersten Teil des Abends noch heller auf. Im Gespräch mit Boehncke gab er Auskunft über sein einziges Zuhause, die deutsche Sprache, und über die Leidenschaft zu schreiben, die für ihn noch mehr ist: eine Vitalfunktion wie essen, trinken, und schlafen. Wer kann so virtuos wie er verschnörkelte Sätze ziselieren, wer lange Konstruktionen an ein gutes Ende führen, ohne dass sein Zuhörer unterwegs verloren geht?

Nur eins steht dem Schriftsteller noch über dem Schreiben: das Erzählen. Wie hat er den Tuareg bewundert, der mit seinen Kamelen zu seiner Oase aufbrach, um dort Abend für Abend mit seinen vier Frauen erzählend beisammenzusitzen. Das Erzählen als Mittel gegen die Einsamkeit, sogar gegen den Tod - das ist das Ziel des brillanten Homme de lettres, dessen freundliches Lächeln mit der feinen Beimischung an Ironie sich jedem einprägt, der ihn live erleben kann wie die mehr als 250 am Donnerstagabend.

Von Johannes Mundry

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