Aus der besten wurde die ehrlichste Band der Welt: Das enttäuschende Comeback der Strokes

So sahen The Strokes 2006 aus: Für ihr neues Album ließen sich (von links) Julian Casablancas, Nikolai Fraiture, Nick Valensi, Fab Moretti und Albert Hammond Jr. passend zur Single „Under Cover Of Darkness“ nur für ein viel zu dunkles Schwarzweiß-Foto ablichten, auf dem man nichts erkennt. Wir zeigen die Herrschaften darum, als sie noch jünger und besser waren. Foto: ap

Julian Casablancas muss manchmal ein Diktator sein. Als Sänger und Songwriter hat er der New Yorker Band The Strokes quasi im Alleingang einen Platz im Rock-Olymp gesichert. Im vergangenen August jedoch gingen seine vier Kollegen zum ersten Mal allein ins Aufnahmestudio. Anders, so die Version von Casablancas, hätten sich Nikolai Fraiture, Nick Valensi, Fab Moretti und Albert Hammond Jr. nicht von ihm emanzipieren können.

„Um alle dazu zu bringen, sich reinzuhängen, musste ich mich komplett zurückziehen“, sagte der 32-Jährige. Er wünschte sich von seinen Kollegen „Thin-Lizzy-mäßigen Kung-Fu-Rock mit coolen Achtziger-Melodien“ und prophezeite, dass sie es ohne ihn nicht hinbekommen würden - wie ein Diktator halt redet.

Der Sohn des dänischen Models Jeanette Christiansen stieß erst dazu, als die Songs bereits fertig waren. Nun ist „Angels“ erschienen, das erste Strokes-Album nach fünf Jahren Pause. Man hört wieder Casablancas’ verschnupft klingenden Gesang und die dengelnden Gitarren, dazu kommen Achtziger-Synthesizer und einmal ein Reggae-Groove.

Es gibt unwiderstehliche Lieder wie die Single „Under Cover Of Darkness“, aber nicht genügend gute Ideen. Bei manchen Songs denkt man, jetzt müsste es eigentlich losgehen, aber dann ist das Stück schon vorbei.

„Angels“ ist das bislang schwächste Album der Strokes, deren Debüt „Is This It“ 2001 die Musikwelt veränderte. Obwohl die allenfalls vier Minuten langen Songs nur eine modernisierte Version des dreckigen 70er-Jahre-Rocks von Bands wie Velvet Underground und den Stooges waren, klang das Album perfekt.

Angeblich soll der Chef der Plattenfirma Rough Trade nur 15 Sekunden ihres Stücks „The Modern Life“ am Telefon gehört haben, bevor er die Jungs unter Vertrag nahm. „Die Strokes schufen Rockmusik für Leute, die eigentlich keine Rockmusik mögen“, lautete damals ein Satz. Plötzlich spielten alle ihren Sound, trugen verwuschelte Haare und enge Hosen.

Es folgten zwei weitere Alben, die auch gut waren, aber eben nicht so gut wie das Debüt, sowie kaum beachtete Soloprojekte wie Casablancas’ Album „Phrazes For The Young“ vor zwei Jahren. Zudem gab es Drogengeschichten, einige Mitglieder gründeten Familien. The Strokes waren eine ganz normale Band geworden. Es passte, dass die Musiker stets mit ernster Miene in die Kamera schauten.

Nach „Angels“ sind sie nicht mehr die beste Band der Welt, aber vielleicht die ehrlichste. Auf die Frage, warum es gerade jetzt neue Musik gibt, antwortete Gitarrist Nick Valensi: „Weil wir Geld brauchten und unsere Hypothek bezahlen müssen.“

The Strokes: Angels (RCA /Sony BMG). Wertung: drei von fünf Sternen

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