Interview mit Bestseller-Autor Harald Martenstein über die Liebe

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Interview mit Bestseller-Autor Harald Martenstein über die Liebe

Andere Schriftsteller wären froh, wenn sie 23 solcher Kurzgeschichten schreiben könnten. Harald Martenstein hat in „Gefühlte Nähe“ aus 23 Texten einen ebenso kurzweiligen wie klugen Roman über die Liebe im ausgehenden 20. Jahrhundert gemacht.

Harald Martenstein liest am Donnerstag, 9. September, ab 19.30 Uhr, im evangelischen Kirchenzentrum Vellmar (0561/826561) und am 13. Oktober, 21 Uhr, beim Göttinger Literaturherbst im Alten Rathaus (0551/486170).

Er lässt 23 fiktive Männer über ihre Beziehung zu einer Frau namens N. erzählen - etwa einen Lehrer, der kurz vor dem Abitur mit ihr schläft, einen Schlagzeuger, der heimlich Kinder mit einer anderen hat, und einen gealterten Star-Schauspieler, dessen Memoiren N. als Ghostwriterin schreiben soll. Wir sprachen mit dem Redakteur des Berliner „Tagesspiegel“, der an diesem Donnerstag, seinem 57. Geburtstag, in Vellmar liest

Herr Martenstein, wie Sie von der Liebe in „Gefühlte Nähe“ erzählen, ist oft urkomisch, aber alle Beziehungen scheitern irgendwie. Ist Liebe so deprimierend?

Harald Martenstein: Ich finde die Liebe als solche keineswegs deprimierend. Deprimierend ist nur, dass die Menschen so viele Anläufe dazu unternehmen. Einerseits träumen sie von etwas, das ewig hält, andererseits machen sie die Erfahrung, dass es nicht so ist. Meine exemplarische Liebesbiografie erzählt, wie es ist, nichts einigermaßen Stabiles hinzubekommen. Es geht von einem Fehlversuch zum nächsten.

Und es geht von einer modernen Lebensform zur nächsten: Single-Dasein, Getrennt leben, Living-apart-Together. Nur die traditionelle Familie fehlt. Spielt sie heute keine wichtige Rolle mehr?

Martenstein: Sie spielt natürlich noch eine Rolle, aber nicht in dem Milieu, das ich schildere. Da ist die serielle Monogamie vorherrschend. Es geht um die Neuordnung unserer Liebesexistenz.

Das Leben Ihrer Hauptfigur erzählen Sie aus Sicht ihrer Partner. Trotzdem erfährt man mehr über die Männer als über N., wie Sie sie nennen. Ist sie eine Frau ohne Eigenschaften?

Martenstein: Sie ist eine Projektionsfläche. Sie haben recht: „Gefühlte Nähe“ ist ein Buch über die Männer. Alle haben einen unterschiedlichen Blick auf N. Das Porträt ist Mittel zum Zweck. Ich glaube, N. nimmt einigermaßen Konturen an, die allerdings ebenfalls unterschiedlich interpretiert werden können. Einige Leser finden sie unsympathisch, anderen erscheint sie als tragische Heldin.

Mein Lieblingssatz aus dem Buch ist: „Das Leben ist kein Calgonit Powerball.“ Es gibt keine All-in-One-Funktion, mit der man alles haben kann. Irgendwann muss sich jeder entscheiden. Ist die heutige Generation besonders entscheidungsschwach?

Martenstein: Das kann ich nicht sagen, das wäre mir zu pauschal. Aber ich glaube, dass sich viele Menschen mit Entscheidungen schwertun, weil sie auch in der Liebe einen Konsumentenblick haben: Sie haben etwas gefunden und suchen doch immer irgendwo etwas Besseres zu einem günstigeren Preis. Davon müsste man sich befreien.

Unsere Eltern und Großeltern hatten es da einfacher. Früher gab es noch nicht die Ökonomisierung der Liebe. Man lebte einfach ein Leben lang zusammen.

Martenstein: In der Tat, aber ich wünsche mir diese Zeiten nicht mehr zurück. Wenn die Zahnpasta einmal aus der Tube ist, kriegt man sie nicht mehr rein. Allerdings glaube ich auch nicht, dass die Menschen heute glücklicher sind als in der alten Welt.

Ihre Kolumnen, die wöchentlich im „Zeit-Magazin“ und im „Tagesspiegel“ erscheinen, beruhen angeblich zu 90 Prozent auf selbst Erlebtem, nur 10 Prozent denken Sie sich aus. Wie war es beim Roman?

Martenstein: Hier ist der Prozentsatz des Erfundenen deutlich höher. Bei einigen Kapiteln schöpfe ich aus eigenen Erfahrungen. Und ich erzähle Geschichten von Bekannten weiter. Ich habe aber zum Beispiel keine Erfahrungen mit männlichen Sexarbeitern in Afrika.

In Ihren Kolumnen schreiben Sie oft über Ihren Sohn. Haben Sie Angst, dass Sie ihn für Ihre Arbeit ausnutzen?

Martenstein: Ich nutze ihn tatsächlich aus - das kann ich nicht leugnen. In gewisser Weise macht man das mit allen Leuten, über die man schreibt. Aber er ist 18 und lässt sich das gefallen.

Kommt es da nicht oft zu komischen Situationen, wenn Sie auf Ihre Kolumnen angesprochen werden?

Martenstein: Zuletzt habe ich in meiner „Lebenszeichen“-Kolumne die Flut von Sachbüchern persiflieren wollen, die davon berichten, wie es ist, ein halbes Jahr ohne Internet zu leben. Ich schrieb, dass ich ein halbes Jahr barfuß gelebt hätte und bei journalistischen Terminen immer krumm angeguckt worden sei. Einige Leser haben dann tatsächlich gefragt, wie mein Buch heißt. Sie hatten es bei Amazon nicht gefunden. Als Kolumnist fühlte ich mich irgendwie gescheitert.

Harald Martenstein; Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paarungen. C. Bertelsmann, 224 S., 19,99 Euro.

Zur Person

Harald Martenstein wurde am 9. September 1953 in Mainz geboren und studierte in Freiburg Geschichte und Romanistik. Als Journalist arbeitete er für die „Stuttgarter Zeitung“, die Münchner „abendzeitung“ und den Berliner „Tagesspiegel“, wo er bis heute Redakteur ist. Daneben schreibt er eine wöchentliche Kolumne für das „Zeit-Magazin“.

2004 erhielt er den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis für die zweitbeste Reportage. Sein Debütroman „Heimweg“ wurde 2007 mit dem „Corine“-Buchpreis ausgezeichnet. Der 56-Jährige, der verheiratet war und einen erwachsenen Sohn hat, lebt in Berlin und in der Uckermark. (mal)

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