Bestseller-Autor ohne Allüren: Stewart O’Nan in Treysa

Stewart O’Nan. Foto: Rose

Schwalmstadt. So unterschiedlich ist das: Sein italienischer Übersetzer hat dem US-Schriftsteller Stewart O’Nan zu 15 Büchern noch nie eine Frage gestellt, Thomas Gunkel aus Gilserberg (Schwalm-Eder-Kreis), der Bestseller wie „Ganz alltägliche Leute“ und „Alle, alle lieben dich“ ins Deutsche übertragen hat, schickt dem 53-Jährigen jedes Mal lange, detaillierte Listen per Mail. Daraus ist eine Freundschaft erwachsen, die O’Nan nun erstmals zu seinem Übersetzer nach Nordhessen geführt hat.

100 Besucher ihrer gemeinsamen Lesung in der Hospitalskapelle Treysa erlebten Samstagabend einen aufgeschlossenen, bodenständigen Autor, dessen amerikanischem Sprachfluss zuzuhören auch für diejenigen ein Genuss war, die Feinheiten in den von Gunkel auf Deutsch vorgetragenen Passagen besser verstanden. Im Gespräch ging es dann darum, wie schnell Übersetzungen – im Gegensatz zum Original – verstauben, ums Vokabular für Sexszenen und Baseball.

„Love is a losing game“, sang die siebenköpfige A-cappella-Gruppe Stimmbänd aus Hofgeismar, deren Songs die Lesung umrahmten, mit einem Titel der Everly Brothers. Es schien wie ein Motto für die über zwei Stunden Programm: In O’Nans gerade in Deutschland erschienenem großartigem Roman „Die Chance“ fährt ein Paar, das kurz vor der Scheidung und der Insolvenz steht, zu den Niagara-Fällen, um in einem Casino die Pleite abzuwenden und auszuloten, ob seine Ehe noch Zukunft hat.

Die beiden lasen dann aber nichts vom Roulette, sondern Rückblenden und das Drumherum an diesem Valentinstag-Wochenende. Wie Millionen Amerikaner sei dieses Mittelständler-Paar unvermittelt „ins Nichts geschlittert“, erklärte Gunkel. Auf wenigen Seiten entwirft O’Nan das ganze Drama dieses Abstiegs: „Der Fehler war zu glauben, dass es auf der Welt immer so weiter gehen würde wie bisher.“

Sprache, sagte O’Nan, sei für ihn nur ein Werkzeug. Viel wichtiger sei, was unter der Oberfläche liege, die Geschichte, die Charaktere, denen gegenüber er hohe Verantwortung spüre. „Keiner schreibt nur perfekte Bücher“, so O’Nan. Bei der „Chance“ bemerke er bereits jetzt lauter Fehler. Der unprätentiöse, sympathische 53-Jährige arbeitet längst am nächsten Buch. Es handelt von F. Scott Fitzgerald und Hollywood in den 30ern. Sein Übersetzer tut ihm jetzt schon leid, weil er sich in den Slang der Zeit einarbeiten muss. Da werden wieder viele Mails hin- und hergehen.

Von Mark-Christian von Busse

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