Die Schau „Pokalspiel“ präsentiert im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel den Schatz der Landgrafen

Besuch in der Silber-Cammer

Willkommen: So hießen die Trinkgefäße, aus denen vor Festlichkeiten der Begrüßungsschluck genommen wurde, wie noch heute Sekt bei Partys - hier drei Beispiele. Der Pokal rechts fasste allerdings mehr als einen Schluck, nämlich 1,14 Liter. Scherner: „Da war die Stimmung super.“ Fotos: Koch

Kassel. „Prunk Macht Spaß“ lautete lange der Arbeitstitel der Ausstellung „Pokalspiel“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel: Die Silberkammer der hessischen Landgrafen, deren größte Kostbarkeiten bis 5. September präsentiert werden, war symbolischer Ausdruck ihrer Macht.

Aber der Hof hatte - bei Jagden und rauschenden Festen - auch seinen Spaß mit dem Prunk. Und Spaß macht es, die intelligent und unkonventionell eingerichtete Schau zu besuchen. Nicht nur, weil man staunt über Pracht und künstlerischen Reichtum der vergoldeten Silbergefäße sowie über exotische Straußeneier, Nautilus und Rhinozeroshorn. Sondern auch, weil Bedeutung und Funktion der Kostbarkeiten anschaulich erklärt werden: „Die Silberkammer war wie ein Wertpapierdepot“, sagt Antje Scherner, Leiterin der Sammlung Angewandte Kunst der Museumslandschaft Hessen Kassel. Die Stücke waren Kapitalanlage, zumal sie, falls nötig, eingeschmolzen wurden, und sie verdeutlichten den Rang der Fürsten und ihre politisch-dynastischen Ansprüche.

„Frisch und frech“, sagt die Kuratorin, habe man die 70 Exponate inszenieren wollen. „Man kann viel lesen“, sagt Scherner über die Texttafeln, „aber man muss es nicht.“ Es sei verblüffend, wie viel man erzählen könne über die Schätze, die einst in zwei vollgestopften Räumen des Landgrafenschlosses verwahrt wurden.

Herrliche Anekdoten kennt sie von Hochzeiten, „aberwitzigen Erbstreitigkeiten“, Gastgeschenken und Trophäen bei Turnieren, Löwen, Schiffspokalen und Sturzbechern, mit denen Wein auf Ex geleert werden musste. Sie weiß auch den Wert der Preziosen: Einer der „Rembrandts“ der Sammlung, eine fünf Kilogramm schwere Kanne aus dem Besitz der Grafschaft Katzenelnbogen, hatte einen Materialwert von 157 Talern - das entsprach 8635 Kilogramm Weizen.

Zu Beginn lernt man viel über die Geschichte Hessens nach dem Tod Philipps des Großmütigen und die Aufteilung seines Territoriums auf die Söhne, die sich in der Historie des Silbers widerspiegelt. Der älteste, Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (er regierte 1567-1592), gründete die „Silber-Cammer“. Er erklärte elf Stücke zum unveräußerlichen Besitz, der immer in der Residenz bleiben sollte. Fünf haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind in der Schau besonders hervorgehoben.

Scherner weiß, dass man in Ausstellungen „am Anfang treuherzig alles liest“ und dann die Konzentration nachlässt. Deshalb „wird es immer spielerischer und interaktiver, man kann sich treiben lassen und sich der Schönheit der Objekte überlassen“. Ein wunderschönes so genanntes Silberbüfett etwa versammelt repräsentative Pokale.

Man kann sich auch, nach einem Blick ins nachempfundene fürstliche Depot, als Gast eines Festmahls fühlen, das in ein Gelage ausartet. Kunstvoll-barock gefaltet hat Joan Sallas (Freiburg) 1,70 Meter lange Leinen-Servietten. Dann eine Trennwand, dahinter ein Branntweinfass, die Tischdecke ist verrutscht, Gefäße sind umgeworfen. Hier, so scheint es, wurde kräftig gebechert.

Von Mark-Christian von Busse

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