Beuys' 7000 Eichen: Es geht um mehr als Bäume

Steine des Anstoßes: Blick in die kleine Beuys-Schau im Vorraum des „Rudels“ in der Neuen Galerie - mit einer Original-Stele.

Die Neue Galerie stellt das Kunstprojekt von Joseph Beuys „7000 Eichen" vor - und wie diese Soziale Plastik Kassel zwischen der documenta 7 und 8 verwandelt hat.

Kassel. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ - wie das Kunstprojekt „7000 Eichen“ von Joseph Beuys für mehr Grün in Kassel gesorgt hat, ist in der Kabinettausstellung „StadtRaum und Zeit“ in der Neuen Galerie eindrucksvoll nachzuvollziehen.

Eine tolle, wandgroße Karte des Amtes für Vermessung und Geoinformation führt jeden einzelnen Baum auf, der vom 16. März 1982 zur documenta 7 bis zum 12. Juni 1987 bei d 8 gepflanzt wurde - 5200 auf städtischem, 1800 auf privatem Grund. Auch über einen Laptop ist das Kataster einsehbar: Genau 6987 Bäume sind es zurzeit, 40 Arten, darunter neben 3730 Eichen beispielsweise 1123 Eschen, 504 Platanen, 106 Kastanien, 13 Zierkirschen, 7 Ginkgobäume, ein Zierapfel.

Fotos aus den 80ern von Kasseler Straßen und Plätzen könnten auch im realsozialistischen Grau von Ost-Berlin, Warschau oder Prag aufgenommen worden sein. Ihnen sind aktuelle Bilder der Kasseler Fotografin Annli Lattrich gegenübergestellt, die an exakt den gleichen Standorten entstanden. Wie sehr Beuys für seine Idee, 7000 Bäume zu pflanzen - jeweils mit einer Basaltstele versehen - angefeindet wurde, ist angesichts dieses Kontrasts gar nicht mehr vorstellbar.

„Der Widerstand war sehr manifest und ruppig“, sagt Volker Schäfer. Der Vorsitzende der Stiftung 7000 Eichen, die das Beuys’sche Erbe in Kassel pflegt, hat die Präsentation eingerichtet, sich in die Archive vertieft und neben Spenden-Zertifikaten, Flyern, Beuys’ berühmtem „Aufruf zur Alternative“ und Dieter Schwerdtles Fotos von Pflanzaktionen viele HNA-Artikel ausgewählt. Fabian Püschels Film „7000 Eichen“ ist zu sehen, ein Beuys-Interview zu hören.

Für Schäfer greift es zu kurz, die 7000 Eichen auf die segensreiche Begrünung zu reduzieren: „Das wird seiner Gedankenwelt nicht gerecht.“ Beuys habe zwar „Leidenszustände in der Stadt erkannt“ und für Veränderungen in der gebauten Umwelt plädiert. Die sehr langsam wachsenden Eichen, deren Lebensalter das des Menschen deutlich überschreite, stünden aber auch dafür, Verantwortung über die Begrenztheit des eigenen Lebens hinaus wahrzunehmen - für die Gesellschaft, ja den Kosmos: Wie geht die Spezies Mensch mit sich selbst um? Wie gestalten wir unser Leben und die Welt? Was lässt sich zum Besseren verändern?

Die 7000 Eichen seien ein „unglaubliches Geschenk“, so Schäfer, das aber, weil sich die Stadt ständig verändere, viel Arbeit mache. Dieser Gedanke der Teilhabe und Partizipation sei ebenfalls ein Aspekt der Sozialen Plastik. Das begann bei der Finanzierung. Schäfer: „Keiner weiß, dass Beuys selbst fast das gesamte Geld zusammengetragen hat“. 3,5 Mio. D-Mark kostete das Projekt.

Die Schau ist ein weiteres Argument für ein documenta-Haus, das Kasseler und Touristen jenseits der musealen Präsentation von Ankäufen in der Neuen Galerie über Geschichte, Spuren und Auswirkungen der Weltkunstschau informieren könnte.

Service

Die Ausstellung „Joseph Beuys: 7000 Eichen. StadtRaum und Zeit“ ist bis zum 31. Januar 2016 in der Neuen Galerie, Schöne Aussicht 1, zu sehen (Di-So und feiertags 10-17 Uhr, Do 10- 20 Uhr, Mo geschlossen). Beim

documenta-Fest am Sonntag, 19. Juli, finden mehrere Führungen in der Ausstellung statt (Beginn 11.45, 13.45, 15.30 und 16.30 Uhr) - ebenso in der Museumsnacht am 5. September.

Am Mittwoch, 2.9., 12.30 Uhr, spricht Museumsleiterin Dr. Dorothee Gerkens in der „Kunstpause“ über die 7000 Eichen.

www.museum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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