Theater Sycorax mit dem Stück „Kommt noch was?“ im tif

Bewerber auf dem Flur

Arbeits-Marktschreier beim autogenen Bewerbungstraining: Das Theater Sycorax. Foto: Malmus

Kassel. Guter Rat mag teuer sein. Gute Ratgeber - zumindest in Sachen Bewerbungsgespräch - stapeln sich mittlerweile in jedem Bücherregal. Jung, engagiert, innovationsfreudig, aufgeschlossen und ehrgeizig? Super! Wie Sie Ihre Schokoladenseite dann auch noch vor einem potenziellen Arbeitgeber in Szene setzen, können Sie ausführlich nachlesen, einstudieren und simulieren.

Es geht um Fangfragen, Fettnäpfchen und Stolpersteine, um falsche Aufrichtigkeit und die richtige Körperhaltung. Und am Ende flattert doch wieder eine Absage in den Briefkasten.

Davon konnten die zwölf Darsteller des Theaters Sycorax aus Münster am Freitagabend im ausverkauften tif ein Liedchen singen. Ihr Stück „Kommt noch was?“ bildete den Abschluss des achttägigen „Festivals für Theater und Wahn“. Die Kulisse: Ein fiktiver Wartesaal.

Krise ist Krise

Wie die Hühner auf der Stange saßen sie da in einer langen Reihe, angestrengt lauschend, was der geschniegelte Anzugträger mit Headset, der zwischen Bürotüren hin- und hereilte, an großspurigen Belanglosigkeiten von sich gab. Sofort bereit, auf einen Wink hin, ihren Lebenslauf spiegelstrichartig herunterzubeten, sich zu eifriger Spontanaerobic zusammenzufinden oder ihr Motivationsmantra aufzusagen: „Ich bin flexibel! Ich sehe Herausforderungen als Chance an!“ Arbeits-Marktschreier beim autogenen Bewerbungstraining.

Die erste Kandidatin studierte Kognitionspsychologie, der nächste Kartografie und Nautik, ein dritter avancierte schon früh zu Chefs Liebling, immer zum Sprung auf die nächste Stufe der Karriereleiter bereit. Genutzt hat es ihnen wenig: Krise ist Krise. Dafür bepflanzt man nun öffentliche Beete, kratzt Kaugummis vom Asphalt und wird dazu noch in eine Arbeitsmaßnahme gesteckt. Ein gelungenes Un-Sittengemälde über die Absurditäten einer perfekten Selbstinszenierung, mit der man den Anschluss an eine Gesellschaft sucht, aus der man schwuppdiwupp wegrationalisiert wurde.

Von Carolina Rehrmann

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