Genau 30 Jahre nach „Welcome To The Pleasuredome“ ist Pop-Sänger Holly Johnson wieder da

Mit bezwingendem Charme

In Stimme und Erscheinung unverändert elegant: Holly Johnson. Foto: Another Dimension/ nh

Es gibt im Grunde zwei maßgebliche Alben, die die Popmusik der 80er-Jahre definiert haben. Alben, die Maßstäbe setzten, an denen man im Segment der musikalischen Spitzenqualität, des Trendsetzens und der Definitionsmacht von Coolheit nicht vorbei konnte. Neben Michael Jacksons „Thriller“ von 1982 war das „Welcome To The Pleasuredome“ von der Liverpooler Band Frankie Goes To Hollywood aus dem Jahr 1984.

In dieser großformatigen Tanzmusik-Oper wurde der Pop mit fast unverschämten Selbstbewusstsein offen schwul und extrem glamourös. In provozierender Pose verkündete Sänger Holly Johnson „Die Welt ist meine Auster“. Im zeitweise vom Sender BBC zensierten Megahit „Relax“ gab es die nur notdürftig verbrämte Aufforderung zu sexueller Ausschweifung, „The Power Of Love“ war eine betörend-schöne Ballade an die Kraft der Liebe. Ein Album, das blieb, auch als sich Frankie Goes To Hollywood schon 1987 wieder auflösten.

Nun meldet sich der charismatische Sänger Holly Johnson genau dreißig Jahre nach „Pleasuredome“ und 15 Jahre nach seiner letzten Solo-CD mit der Platte „Europa“ zurück.

Die Stimme des 54-Jährigen, der seine HIV-Infektion medizinisch wohl gut im Griff hat, ist unverändert faszinierend – facettenreich zwischen zärtlicher Verehrung und unwiderstehlichem Drängen. Und stets britisch-elegant. Die Titel schwanken ein wenig in der Qualität, besonders „Heaven’s Eyes“ rutscht etwa in die Beliebigkeit ab. Das meiste ist aber überzeugend und vorzüglich arrangiert, nicht retro-verliebt, sondern im Stil schicker, elektronischer Tanzmusik des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig fühlt man sich bei vielen musikalischen Details an „Pleasuredome“ erinnert – womöglich kein Zufall.

Die Ballade „So Much It Hurts“ knüpft im Gestus und im Stil des Pianosounds an alte Frankie-Zeiten an. „Hold On Tight“ und „Dancing With No Fear“ sind klassische Dancetracks, bei denen die Zusammenarbeit mit Leuten wie den House-Tüftlern Eric Kupper und Frankie Knuckles besonders zur Geltung kommt.

Johnson will „Europa“ als Mutmachalbum verstanden sehen, auch für sich selbst, der sich als Miesepeter bezeichnet. Dazu passt das balladeske „Lonesome Town“, wo es heißt: „Die Welt dreht sich weiter, also warum steigst du nicht darauf ein?“ Die große Geste ist auf „Europa“ einer abgeklärten Gelassenheit gewichen, die Holly Johnson gut zu Gesicht steht. Und allen voran ist da noch der superbe Eröffnungssong „Follow Your Heart“, der mit seinem Glitzersound, der feingliedrigen Instrumentierung und dem hypnotischen Beat dermaßen bezwingend und elegant seine Verführungskräfte auffährt, dass es ein Wunder wäre, wenn er nicht im Sturm die Welt der Clubs erobern würde.

Holly Johnson: Europa (Pleasuredome/Rough Trade), Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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