Mark Divo verwandelt das Fridericianum in eine bewohnte Skulptur

Kassel. Motoracek gähnt. Die französische Bulldogge hat es sich auf einer plüschbezogenen Bank in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum bequem gemacht. Der muskulöse kleine Hund ist omnipräsent in der neuen Ausstellung: Für zwei Wochen gastiert im rechten Flügel des Erdgeschosses das „D.I.V.O. Institute“.

Der schweizerisch-tschechische Künstler Mark Divo hat darin den Grundriss seiner Villa im tschechischen Kolin nahe Prag nachgebaut.

Auf einem Podest kann man wie auf einer Bühne durch einige offene Räume flanieren, die Zimmerwände ragen nicht ganz bis an die Fridericianumsdecke. Eingerichtet in einer Mischung aus Biedermeier und Sperrmüll gibt es Vitrinen mit Nippesfiguren, einen Plattenspielerschrank, aus dem krächzend nostalgische Klänge dringen, Kissen mit gehäkelten Bezügen, Sesselchen, eine Puppenstube, eine Heimorgel, einen ausgestopften Fuchs.

Kurze Ruhepause: Bulldogge Motoracek auf einer Bank in der Installation.

„Wir wollten eine gewisse Wohnlichkeit“, erklärt Kunsthallenleiter Rein Wolfs. Bei freiem Eintritt will sich das Museum öffnen, jeder kann hereinschauen, Divo sieht sich als Dada-Künstler. Sobald der Samowar repariert ist, gibt es Tee, man darf alles anfassen, kann singen, basteln, diskutieren (siehe Terminübersicht).

In einem Koffer, den Mark Divo in seiner Installation aufgebaut hat, kann gestöbert werden. Tschechische Pin-up-Fotos, kitschige Ausschneidebildchen, Zeitungen, eine Schlagersingle: Die Wunderkiste soll anregen, mit vorgefundenem Material zu werkeln. Auch eine Schreibmaschine steht für spontane poetische Anwandlungen bereit.

Zur Person:

Mark Divo (44) wurde nahe Zürich geboren und lebt heute mit Frau und dreijähriger Tochter in der tschechischen Kleinstadt Kolin in der Nähe von Prag. Frühere Lebensstationen waren Göttingen (Studium der Sozialwissenschaften), Berlin, New York, Kairo und Zürich. Divo kommt aus der Hausbesetzerszene, er sagt selbst, er habe in seinem Leben sicher 50 bis 60 Häuser besetzt - das aber stets mit dem Ziel, Räume für Kunst zu schaffen, Performances zu organisieren. Er arbeitet in einem Clan mit befreundeten Künstlern, von denen einige auch nach Kassel kommen. Mark Divo versteht sich in der Tradition der Dada-Bewegung, das „D.I.V.O.-Institute“ soll ein solcher Raum für Kreativität sein.

Schwarze Schnörkelornamente prangen auf den weißen Tapeten im Spießer-Look - erst wer näher hinschaut, erkennt Motoracek, die Bulldogge, als Ornament der von Divos Frau Sonja Vectomov gestalteten Wandzier.

Überhaupt wird die vordergründige Heimeligkeit der Installation immer wieder gebrochen. Denn Mark Divo hat die Wände mit Bildern und Reliefs bestückt, die teils er selbst, teils befreundete Künstler angefertigt haben. Bezugspunkt ist dabei verschiedentlich der in der Schweiz populäre Idyllenmaler Albert Anker (1831-1910). Dessen ländliche Kinderszenen hat Divo im altmeisterlichen Stil unter Verwendung von übermalten Fotodrucken weiterbearbeitet. Bei Divo lesen Ankers Kinder einander nicht aus Büchern vor, sondern dealen mit Kokain oder bauen Bomben.

Auch Carl Spitzwegs (1808-1885) populäre Biedermeier-Idyllen verfremdet Mark Divo. „Der arme Poet“ ist hier eine nackte Frau in einer Dachkammer - umgeben von Pizzakartons. Erst auf den zweiten Blick fällt die Webcam auf, die ihre Blöße abfilmt: Internet-Striptease des modernen Prekariats.

„Ignore us“ - ignoriert uns, steht auf einer Tafel des Künstlers Pastor Leumund, die in der bewohnten Skulptur aufgehängt ist. Erinnerung an ein Hausbesetzerprojekt aus Zürich, bei dem Mark Divo und Freunde dafür gekämpft haben, dass der Raum für Kultur erhalten bleibt. Und im Hintergrund dudeln „Schwanensee“-Melodien in der Endlosschleife aus einem Monitor. Im Film ist eine Ballettsequenz zu sehen. Die tanzende Diva: Bulldogge Motoracek.

Von Bettina Fraschke

Die Termine:

Mark Divo hat Künstler und Musiker eingeladen, das Fridericianum mit ihm zu bespielen. Besucher können ebenfalls mitmachen. Die Termine:

Fr, 2. Juli: 11 Uhr Showbasteln mit Künstlergruppe MICKRY3 , 14 Uhr Medienworkshop

Sa, 3. Juli: 11 Uhr: Showbasteln, 13 – 17 Uhr Skulpturen Workshop, 21 Uhr Konzert Knarf Rellöm als King Fehler

So, 4. Juli: 11 Uhr Showbasteln, 14 - 17 Uhr Diskussion: Religion als Kunstersatz.

Di, 6. Juli: 11 Uhr Showbasteln, 14 – 18 Uhr Radioworkshop für Kinder, 18 Uhr Filme

Mi, 7. Juli: 11 Uhr Showzeichnen, 15 Uhr Ausstellungsgespräch, 18 Uhr Filme

Do, 8. Juli: 11 Uhr Showzeichnen, 14 Uhr Tanztee, 18 Uhr Thomas Haemmerli, Vortrag Art-Entertainment

Fr, 9. Juli: 11 Uhr Showzeichnen, 14 Uhr Offene Oper (Musikhörspiel Workshop)

Sa, 10. Juli: 22 Uhr Konzert Momus

So, 11. Juli: 14 – 17 Uhr Panini-Bilder-Tauschbörse

Di, 13. Juli: 18 Uhr Petr Motycka, Vortrag United Brands for World Peace

Mi,14. Juli: 15 Uhr Ausstellungsgespräch, 18 Uhr Kassel’s got Talent, Superstarcasting und Präsentation Offene Oper. Das D.I.V.O.-Institute ist in der Kunsthalle Fridericianum am Kasseler Friedrichsplatz.

Bis 14. Juli täglich ab 11 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei (außer Konzerte). Anmeldung nicht erforderlich.

Rubriklistenbild: © Koch

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