Als Musikerin ist sie Kritikerliebling - in Ostwestfalen wird sie als Künstlerin entdeckt

Der Himmel ist eine Vagina: Eindrucksvolle Ausstellung von Transgender-Ikone Anohni in Bielefeld

Sängerin Ahnoni

Bielefeld. Für Marina Abramovic ist Bielefeld wichtiger als New York, London und Berlin. Die Performance-Künstlerin hat die ostwestfälische Metropole gerade zum künstlerischen Zentrum der Welt erklärt, was eine bemerkenswerte Auszeichnung für eine Stadt ist, die es ja gar nicht gibt, wie Verschwörungstheorethiker unablässig behaupten.

Abramovic vergab den inoffiziellen Titel an Bielefeld, als sie Ende Juli die Ausstellung „My Truth“ ihrer Freundin Anohni in der dortigen Kunsthalle eröffnete. Bereits die Schau selbst ist preiswürdig. Nie zuvor hat das 1968 eröffnete Ausstellungshaus eine größere finanzielle Förderung erhalten. Dabei ist Anohni als Künstlerin weitgehend unbekannt. Bislang war die in den USA lebende Engländerin vor allem Musikerin oder besser gesagt Musiker: Als Antony Hegarty und mit einer androgynen Stimme machte sie Antony and the Johnsons zu einer der erfolgreichsten Avantgarde-Pop-Bands.

Dieses Jahr wurde aus dem Mann Hegarty die Frau Anohni. Ihr Solodebüt „Hopelessness“, auf dem sie zu wüsten Electrosounds über den Klimawandel singt und mit Barack Obama abrechnet, gilt schon jetzt als eines der besten Alben des Jahres. Gerade wurde es für den renommierten britischen Mercury Prize nominiert.

Die Wahrheit über ihre Bielefelder Ausstellung lautet: „My Truth“ ist keine Sensation, aber man erfährt einiges über die Denkweise von Anohni. Und das kostet im August nicht einmal Eintritt dank des Sponsors Bielefelder Sparkasse.

Anohnis kleinteilige Collagen bestehen aus Kritzeleien, Zeitungsausschnitten und Restaurantrechnungen. Schon hier begegnet man dem Eisbären, der für die 44-Jährige ein Symbol ist, weil sein Lebensraum, das ewige Eis, durch die Klimaerwärmung einfach verschwindet und wie Bielefeld irgendwann nicht mehr da sein wird. Oben in der Kunsthalle steht ein weinender Bär, der seine Wut hinauszuschreien scheint.

Als Kuratorin wählte Anohni zudem Werke von Künstlern aus, die sie beeinflusst haben. Ein gespenstischer Film zeigt den japanischen Butoh-Tänzer Kazuo Ohno (1906-2010). Der US-Künstler James Elaine lässt Pflanzen aus Bibliotheken wachsen und legt tote Mäuse in Bücher – eine tierische Form des Herbariums.

Der Himmel ist eine Vagina

Am eindrucksvollsten sind die Bilder von Peter Hujar (1934-1987), der als Fotograf der Aids-Generation berühmt wurde. Sein Bild von Andy Warhols Lieblingsschauspielerin Candy Darling auf dem Sterbebett (1974) kennt man als Cover des Antony-and-the-Johnsons-Album „I Am A Bird Now“. Vergänglichkeit, Umweltzerstörung und das Weibliche sind die Themen von Anohni, die in ihrer Leinwandarbeit „Gottes Vagina“ die Schöpfung durch „das Loch im Himmel strömen“ lässt.

Manchen ist das zu unheimlich. Im Februar war die 1,90 Meter große Künstlerin, die keine klassische Schönheit ist, mit einem Song für den Oscar nominiert. Sie sollte bei der Gala auftreten, doch dann hatten die Macher Angst um die Einschaltquote und setzten lieber auf Lady Gaga, was für einiges Aufsehen sorgte. Bielefeld ist demnach nicht nur wichtiger als New York, sondern auch mutiger als Hollywood.

„My Truth“. Bis 16. Oktober, Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5. Im August freier Eintritt.

Anohnis erstes Solo-Album „Hopelessness“ ist bei Rough Trade erschienen.

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