Kunst-Rückblick 2009: Ausstellungen locken Millionen Besucher - wieder Rekorde bei Auktionen - das Neue Museum öffnet

Biennale, Bauhaus und Botticelli

Tod eines Sammlers“ nannte das dänisch-norwegische Künstlerpaar Michael Elmgreen und Ingar Dragset seine Aufsehen erregende Arbeit für den nordischen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig: Der Mann trieb als Puppe tot im Pool, vor seinem schicken, leeren Loft. An den Eingang des dänischen Pavillons stellten Elmgreen & Dragset ein „Zu verkaufen“-Schild - ironischer Kommentar zur Finanzkrise, die auch für die Kunstwelt das Schlimmste befürchten ließ.

Verzweifelt ins Wasser zu gehen, gab es aber 2009 keinen Grund. Zumindest nicht für Biennale-Kurator Daniel Birnbaum, Rektor der Städelschule und Leiter des Ausstellungshauses Portikus in Frankfurt: Über 360 000 Menschen reisten nach Venedig - Besucherrekord. Dort heimste ein anderer Frankfurter, Städelprofessor Tobias Rehberger, für seine wilde Caféteria den Goldenen Löwen für das beste Kunstwerk ein. Sein kruder Titel: „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen.“

Eher Anlass zu Freudensprüngen als zum Weinen hatten auch manche Kunsthändler und Museumsdirektoren. Bei Christie’s wurde die Raffael-Zeichnung „Kopf einer Muse“ für 32 Mio. Euro, Rembrandts Gemälde „Porträt eines Mannes“ für 23,1 Mio. Euro versteigert. Das teuerste deutsche Gemälde 2009: Max Beckmanns „Blick auf Vorstädte am Meer bei Marseille“ (2,6 Mio. Euro). Kunst boomt weiterhin.

Die wichtigste Museumseröffnung seit dem Zweiten Weltkrieg fand in Berlin statt: Im Neuen Museum ist auch die Nofretete wieder zu sehen. Mit der Sanierung, die die Wunden der Zerstörung sichtbar hält, wird der Brite David Chipperfield zu einem der wichtigsten Architekten der Berliner Republik. Er will die fragmentierte, gebrochene Hauptstadt in dieser Bruchstückhaftigkeit zeigen - und kritisiert den Stadtschloss-Entwurf des Kollegen Franco Stella, der nach einem Gerichtsentscheid endgültig gebaut werden darf. Chipperfields Büro hat auch das Schiller-Nationalmuseum in Marbach saniert, Anfang 2010 wird in Essen sein Neubau des Museums Folkwang eröffnen.

Museen sind Publikumsrenner. Wer Nofretete ohne Wartezeiten betrachten will, muss sich ein Online-Ticket sichern. Die Menschen stürmen ins neue Museum des Sammlers Udo Brandhorst mit seinen herrlichen Cy-Twombly-Sälen und in die Ai-Weiwei-Ausstellung in München, das Sprengel Museum Hannover verdoppelte mit „Marc, Macke und Delaunay“ seine Besucherzahlen auf 345 000. Eine halbe Million Besucher wurden im Bauhaus-Jahr in Thüringen gezählt, die Bauhaus-Schau im Gropius-Bau erwies sich als Magnet. Über 100 000 Menschen haben bereits die Botticelli-Schau im Städel gesehen.

Dennoch zeigen sich am Horizont düstere Wolken. In Hamburg muss sich der Direktor der Kunsthalle, Hubertus Gaßner, einer Aufforderung seines Stiftungsrates erwehren, eine Liste mit „entbehrlichen Kunstwerken“ zu erstellen - mit deren Verkauf soll das Kapital erhöht werden. Sponsoren-Verluste, Stellenabbau - Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, macht „Vorboten existenzieller Verteilungskämpfe“ aus. Mit dem Verlust an Kultur werde „die Zerstörung der eigenen Identität“ einhergehen, warnt Roth. Die Kölner SPD will schon eine eigene Steuer für die notleidende Kultur, eine Kulturförderabgabe, einrichten.

Seinen eigenen Ratschlag für Erfolg gibt der Maler Georg Baselitz anlässlich seiner großen Retrospektive in Baden-Baden: Talent sei gar keine Voraussetzung: „Haare abscheren, Haare lang wachsen lassen, Hosen zu kurz, alles ganz wichtig! Das Anderssein ist existenziell.“ Foto: dpa

Von Mark-Christian von Busse

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