Bernd Gieseking schlägt in seinem satirischen Jahresrückblick den Bogen von großer Politik ins Private

Biertrinken gegen den Atommüll

Satirisch-böser Blick auf Deutschland: Kabarettist Bernd Gieseking bei seinem Jahresrückblick in Vellmar. Foto:  Schachtschneider

Vellmar. Die linke Protestbewegung hat einen neuen Schlachtruf: „Friede dem Hütt - Krieg den Palästen.“ Für den Kabarettisten Bernd Gieseking ist das Baunataler Bier zum Kultgetränk der Castor-Gegner geworden, seit ein Lastwagen mit „Hütt Luxus-Pils“-Logo den Atommüll-Transport ins Wendland stundenlang aufhielt.

Ein starker Beginn für den Jahresrückblick des Ostwestfalen, der 20 Jahre in Kassel gelebt hat und seit 17 Jahren mit „Ab dafür“ zum satirischen Rundumschlag ausholt. In der Kulturhalle Niedervellmar begann am Samstag vor ausverkauften Reihen die aktuelle Tour durch die Region (Termine siehe Service). Da sich Biertrinker nur wegen eines Images (keinesfalls wegen des Geschmacks, so Gieseking) für eine Biermarke entscheiden, ist die Lücke jetzt geschlossen: junge Trendtypen (Tannenzäpfle), Landratten mit Hang zur Seekrankheit (Becks), alternde Machos (Veltins) und Tattooträger (Astra) hatten ja schon ihr Gerstenbräu - nun auch der Demonstrant als solcher. Und wer keine Zeit hat, sich an die Gleise zu ketten, kann auf einen modernen Ablasshandel eingehen: Trinken statt Protestieren - eine Kiste Hütt für einen Tag Castor-Demo.

Gieseking war topaktuell mit der Betrachtung der Wikileaks-Enthüllungen („Diese ganzen Dokumente über Merkel - das sind doch meine Texte“, erkannte er und entschied: „Ich formuliere besser, also bewerbe ich mich als US-Diplomat“). Er arbeitete sich durchs Jahr 2010 zurück über die Fußball-WM (statt Vuvuzela-Unterdrückung im TV-Ton empfahl er eine Waldemar-Hartmann-Unterdrückung), Sebastian Vettel, Margot Käßmann, Lena, die Wehrpflicht und den Tod von Loki Schmidt.

Er sinnierte, was wohl die FDP anstellt, wenn sie sieht, wie die Nierenspende Frank-Walter Steinmeiers dem Ansehen der SPD nützt - eine Ganzkörperspende von Dirk Niebel? In einer Mischung aus Märchenonkel-Pose, bitterböser Satire und Mut zum Kalauer riss der Kabarettist seine Zuhörer über zwei abwechslungsreiche Stunden mit, Längen gab es allenfalls bei den Schilderungen der verbalen Tapsigkeit seiner computer-fernen Eltern, die E-Mails konsequent „Emils“ nennen.

Sprachlich elegant schlug er immer wieder den Bogen von der Weltpolitik ins Private, etwa von den Terrorwarnungen an einem Grill-Imbiss in Köthen zu einem verdächtigen Gegenstand, der in seiner eigenen Wohnung scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht ist: seine Sporttasche.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.