Der Kasseler Grafiker, Maler und Professor Karl Oskar Blase wird heute 85 Jahre alt

Die Bilder eines langen Lebens

Das Gedächtnis meldet sich unablässig: Die beiden Bleistiftspitzen erinnern Karl Oskar Blase an seine Kriegsgefangenschaft in der Ukraine. Heute feiert der Grafiker seinen 85. Geburtstag. Foto: Herzog

Kassel. Es ist merkwürdig, sagt Karl Oskar Blase, wie oft der Film seines Lebens an ihm vorüberzieht. Eigentlich laufen die Bilder jeden Morgen aufs Neue an. Die Stimme des Vaters, Häuserzeilen in Köln, wo der Grafiker, Maler und Hochschullehrer heute vor 85 Jahren geboren wurde - „das ist alles ganz präsent“.

Die Muster und Farben der Kleider seiner Mutter sind früheste Erinnerungen. Der Blick aus dem Kinderzimmer-Fenster in Leverkusen, wo der kleine Karl Oskar auf die Gleise im Bayer-Werk schaute. Farbreste wurden zu einer Müllkippe transportiert: Loren voll gelber und roter Brühe. Es waren die ersten Eindrücke seiner „grafischen Welt“, sagt Blase.

Schon in der Volksschule flüsterten die Zeichenlehrer über Karl Oskars Bilder, sie erkannten seine Begabung. Noch so eine Szene, die sich eingeprägt hat: sein Plakat „Afrika in Gefahr“, das am Schwarzen Brett der Schule hing. Warum Afrika in Gefahr war, weiß er gar nicht mehr.

Dann sind da natürlich die künstlerischen, die beruflichen Erfolge. Blase hat 1964 bei der dritten documenta ausgestellt - für ihn bleibt es deshalb die schönste. Sein Name steht für die Kasseler Schule der Plakatgestaltung, er hat in einer an die Bauhaus-Tradition angelehnten klaren Formsprache auch Signets und Kataloge für vier documenta-Ausstellungen und über 50 Briefmarken entworfen.

Die Frage, ob er den Film seines Lebens manchmal anhalten oder auf die Vorlauftaste drücken möchte, um Abschnitte zu überspringen, verneint Blase. Auch die dunklen Szenen habe er bewältigen können und keine Angst, sie noch einmal nachzuerleben. So wie den Tod des ersten von vier Söhnen, der vierjährig an Kinderlähmung starb: „Ich denke oft daran.“

Den langen, schmerzlichen Abschied von seiner Frau Marga, die nach einer Alzheimer-Erkrankung 2006 im Alter von 76 Jahren starb, hat er in einem wunderbaren Buch mit Bildern und Tagebuchaufzeichnungen („Wollten wir nicht Bilder machen?“) verarbeitet.

Das Gehen ist mühsam geworden, Karl Oskar Blase ist inzwischen etwas wacklig auf den Beinen. Aber er verfolgt das kulturelle Geschehen aufmerksam („die Leute an der Kunsthochschule Kassel sind alle prima“) und arbeitet selbst unermüdlich, bis hin zum Vorschlag für eine temporäre, verschiebbare Brücken-Konstruktion für documenta-Ausstellungsflächen auf den Wassergräben in der Karlsaue. Blase zeigt eine Mappe mit kürzlich frei assoziierten, aber präzise ausgeführten grafischen Arbeiten. Zwei große gezeichnete Bleistiftspitzen stehen im Regal, eine rot und eine grün. Auch so ein Bild aus der Vergangenheit, ein Symbol für die sowjetische Gefangenschaft, als Blase in einer Steinmühle schuftete und, weil sich sein Können herumsprach, die Wachleute ihn Porträts ihrer Frauen zeichnen ließen.

Seine letzte Ruhe wird Blase in der Nekropole im Habichtswald finden, der Begräbnisstätte, für die auf Anregung Harry Kramers Künstler zu Lebzeiten eigene Grabmale entworfen haben. „Ein sympathischer Kollege“, sagt Blase, dessen Witwe er den Wunsch nicht abgeschlagen hat, sich zu beteiligen. Eine Entscheidung, die er noch nie bereut hat.

Von Mark-Christian von Busse

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