Wo Bilder fliegen sollen: Florian Meisenberg im Kasseler Kunstverein

Der Künstler in seiner Ausstellung: Florian Meisenberg vor einem Plotter, der in der Museumsnacht seine Edition drucken soll, und einer Fototapete eines Dreispringers im Flug. Fotos: Zgoll

Kassel. Ein Dreispringer in der Luft, athletisch, elegant im Flug, ohne die Tartanbahn zu berühren, scheinbar ohne je wieder auf dem Boden aufzuschlagen - er ziert als gigantische Fototapete eine Wand im Kasseler Kunstverein. „Er trägt den Willen in sich, der auch für mich als Künstler nötig ist“, sagt Florian Meisenberg. Donnerstagabend wird im Fridericianum seine beeindruckende Ausstellung „The New World Hotel“ eröffnet.

Auch Meisenbergs Gemälde sollen abheben. Der 33-Jährige spricht von „fliegenden Bildern“. Sie sind nicht an der Wand fixiert. Einige hängen nur wenige Zentimeter von ihr weg, andere von der Decke, kreuz und quer im Raum verteilt. Bilder, die den Prozess ihrer Herstellung offenbaren. Starke Malerei halte den Akt des Schaffens nicht „auf tote Art fest“, sagt Meisenberg, ihre Energie bleibe zugänglich, werde im Moment des Betrachtens reaktiviert.

Auch die Rückseiten sind sichtbar: wie die Ölfarbe aufgesogen wurde, Flecken „eingebrannt“ oder „ausgeblutet“ sind, wie es Meisenberg formuliert. Er spricht von der Durchdringung der Leinwand, dieser „Membran“, einer „Begrenzung, der ich mich ausgesetzt fühle“. Einige Bilder versieht er mit eigenen Körperabdrücken, mitunter sind auch Umrisse eines iPhones auszumachen.

Meisenberg nennt die Leinwand auch „Screen“, was gleichermaßen Bildschirm heißt. Also hängen zwischen der Malerei Flatscreens mit Videoarbeiten. Ein Film zeigt Tauben an einem Kriegsdenkmal in Chicago. An dessen ewiger Flamme haben sich die Tiere die Schwanzfedern verbrannt - sie kommen von diesem Ort nicht mehr weg.

Der Titel „The New World Hotel“ soll fast pathetisch das Utopische, Visionäre des digitalen Zeitalters ausdrücken, aber auch Wurzellosigkeit, Nomadentum. Und er meint ein Hotel im New Yorker Chinatown, das laut Meisenberg die allerschlechtesten Bewertungen im Netz hat: ein Saal, in dem Rigipsplatten lediglich winzige Zellen abtrennen.

Im Eingang des Kunstvereins eine Fototapete eines menschenleeren Serverraums. In Metallregalen, wie sie sonst in Depots von Museen stehen, hängen Bilder, die Meisenberg aus dem Netz gefischt hat. Ein bunter Mix, lauter Motive, die ihn irgendwie angesprochen haben. Er hat die Ausdrucke mit Fettschlieren versehen, „so wie wenn man sein iPhone nicht geputzt hat“.

Eine körperliche, menschliche Spur in der Kälte der Maschinen, der weltweiten Bilderflut. Im Durchgang blickt man auf ein Video im nächsten Raum: Hundehalter in Kassel und New York werden von ihren Tieren geküsst und im Gesicht geleckt. Die Aufnahmen sind extrem verlangsamt. Ist der intime Vorgang in Superzeitlupe widerlich, eklig? Oder zeigt er eine Sehnsucht nach Liebkosung, Berührung, wie sie auch im digitalen Zeitalter nur im unmittelbaren Kontakt Erfüllung finden kann?

Zur Person

Florian Meisenberg, 1980 in Berlin geboren, studierte nach einer Ausbildung zum Mediengestalter an der Kunstakademie Düsseldorf, zuletzt als Meisterschüler von Peter Doig. Seit vier Jahren lebt er überwiegend in New York. Seine erste Einzelausstellung in einem Museum hatte er 2011 im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen.

Während eines Stipendiums in den USA hat Meisenberg, der ursprünglich nur gemalt hat, mit Videos experimentiert. Er gehöre der Generation an, die noch lediglich drei Fernsehprogramme erlebt habe, dann das erste 56k-Modem, tragbare 2-kg-Telefone und heute die Faszination all der digitalen Möglichkeiten, sagt Meisenberg. „Hoffnungslos verstrickt“ sei er in diese Sphäre, derer er sich kenntnisreich bedient, die er aber auch kritisch reflektiert. Die existenziellen Folgen des Internets würden „gar nicht genug besprochen“, findet der 33-Jährige.

Aktion in der Museumsnacht

Die Ausstellung läuft bis 28. Oktober im Kunstverein, Fridericianum, Friedrichsplatz 8. Geöffnet Mi-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Führungen: 13.9., 27.9., 11.10., 25.10. jeweils 14 Uhr. Infos: Tel. 0561/771169, www.kasselerkunstverein.de

Auch drei Plotter, riesige Drucker, stehen zurzeit im Kunstverein, die auf langen Bahnen Meisenbergs Motive ausspucken. Während der Kasseler Museumsnacht, Samstag ab 22 Uhr, werden sie zerschnitten und als Edition zum Verkauf angeboten.

Von Mark-Christian von Busse

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