Bilder starker Frömmigkeit: Franz Liszts „Christus“-Oratorium in der Martinskirche

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Festkonzert zur Wiedereröffnung der Martinskirche: Kantorei und Orchester St. Martin führten unter der Leitung von Eckhard Manz das „Christus“-Oratorium von Franz Liszt auf.

Kassel. In gewisser Weise befand sich Franz Liszt vor gut 140 Jahren in einer Situation, die unserer Zeit vergleichbar ist: Die Bandbreite dessen, was in der Musik möglich schien, war enorm groß geworden, und mit dieser Freiheit galt es umzugehen.

Wie fantasievoll, intensiv und auch verschwenderisch Liszt die Fülle der kompositorischen Möglichkeiten nutzte, das zeigt sein gewaltiges „Christus“-Oratorium, das am Ostersonntag im Festkonzert zur Wiedereröffnung der Martinskirche aufgeführt wurde.

Kantor Eckhard Manz präsentierte mit der Kantorei und dem Orchester St. Martin sowie einem exzellenten Solistenquartett eine knapp zweieinhalbstündige Fassung des gut dreistündigen Werks. Dessen Dreiteilung in „Weihnachts-Oratorium“, „Nach Epiphanias“ sowie „Passion und Auferstehung“ folgt den Lebensstationen Jesu. Dabei fokussiert Liszt stets auf den intensiven Moment, das plastische Bild. Die findet er sowohl in der Musik – besonders in der alten Liturgie – als auch im Situativen.

So bildet der Introitus „Rorate caeli“ (Träufelt, ihr Himmel) mit seinem auffälligen Quintsprung zunächst eine Art Leitmotiv, doch dann erweitert Liszt das Spektrum hin zur Programmmusik und gestaltet Szenen wie den „Hirtengesang“ oder den Marsch der „Heiligen Könige“ rein orchestral als sinfonische Dichtungen. Dann wieder trägt der Chor Sätze wie das Vaterunser in großer Reinheit und a cappella vor.

Die Vielgestaltigkeit des Werks schlug die Zuhörer in der nicht vollständig gefüllten Kirche in den Bann. Gleichwohl verleitet die mitunter überschwängliche Frömmigkeit den Komponisten auch zu ausufernden Passagen – etwa beim umfangreichen „Hosanna“-Teil, und nicht immer entgeht die angestrebte Schlichtheit der Gefahr, banal zu wirken.

Eine große Leistung ist der Kantorei St. Martin zu attestieren, die den heterogenen und oftmals intonatorisch heiklen Chorsätzen einen starken Ausdruck verlieh. Ebenso überzeugend agierten die Solisten, Traudl Schmaderer mit klarem, tragendem Sopran, Elisabeth Holmer mit warmem Alt. Musa Nkuna setzte mit kraftvoll hellem Tenor Akzente, Stefan Adam mit mächtigem Bass.

Das Orchester St. Martin, diesmal ein Hauptakteur, musizierte engagiert und ließ tonmalerische Momente wie die Sturmszene plastisch erstehen.

Eine gelungene Aufführung wurde es auch deshalb, weil Eckhard Manz die auseinanderstrebenden Teile souverän zu einem geschlossenen Ganzen vereinte. Auf das triumphale österliche „Resurrexit“ (Er ist auferstanden) folgte lang anhaltender Beifall.

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