Was die Bilderflut mit uns macht

Ausstellung „Speculations on Anonymous Materials“ im Fridericianum

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Feuerwerkskörper explodieren: In der Rotunde des Fridericianums zeigt die Künstlergruppe GCC eine Tapete mit Video und Soundinstallation: „Amagalmated City“ fügt futuristische Hochhäuser aus der Golfregion zu einer surrealen Stadt-Silhouette zusammen - leere, aber glänzende Verheißungen in sechs Staaten, die sich nicht gerade durch Demokratie auszeichnen.

Kassel. Riesige Fleischbrocken werden im Fridericianum ausgestellt. Sie sehen aus wie frisch aus dem Tier geschnitten, sind aber aus Carrara-Marmor.

Yngve Holen hat als Vorbild für die rotbraunen Objekte echte Tierteile in einer Berliner Metzgerei im 3D-Verfahren gescannt und in Verona aus dem edlen Stein nachfräsen lassen.

In der Kasseler Kunsthalle hat am Wochenende die Ausstellung „Speculations on Anonymous Materials“ eröffnet, mit der sich erstmals die neue Leiterin Susanne Pfeffer präsentiert.

Es ist eine spektakuläre, hochklassige und sehr vielschichtige Schau mit Arbeiten von 23 jungen Künstlern aus der ganzen Welt. Pfeffer fügt künstlerische Positionen zusammen, die sich mit dem technologischen Wandel und der Bilderflut im Internet beschäftigen. Das habe es so noch nicht gegeben, sagt sie. „Bilder und die Art, wie wir sie betrachten, ändern sich“, sagt Pfeffer. Eine zunehmend virtuelle Welt präsentiere uns manipulierte Fotos und per sekundenschneller Googlesuche Tausende Abbildungen direkt nebeneinander.

Es geht ferner um den Körper und wie er sich im Raum bewegt. So tauchen in einigen Arbeiten Hände auf - unser Werkzeug zur Kommunikation in der virtuellen Welt, per Mausklick und Smartphone-Wisch. Josh Kline hat die Hände seiner Kollegen in Silikon nachgebildet: moderne Porträts. Jeder konnte sich aussuchen, was er halten will. Nun haben sie alle eine Computermaus oder einen Blackberry zwischen den Fingern. Die Skulpturen werden wie in einem Warenregal präsentiert. Reproduzierbar, austauschbar, Massenware.

Katja Novitskova hat Bildfunde aus dem Internet als riesige Ausschnitte (Cut-Outs) in den Raum gestellt. Ein Birkenstamm sieht völlig echt aus und verändert, wie er da in Originalgröße steht, seine Umgebung: Wer an dem Farbdruck vorbeiwandert, bewegt sich in einer Welt zwischen Realität und Virtualität. „Es hat in der jungen Künstlergeneration einen kompletten Wandel der Ästhetik gegeben“, sagt Pfeffer. Eine neue Art, auf die Welt zu schauen, die nun im Fridericianum mit vielen Querbezügen zwischen den Werken gezeigt wird.

Symbole für Männlichkeit von Timur Si-Qin: Samuraischwerter durchbohren Flaschen mit Axe-Duschgel. Die Seife tropft und riecht.

Gestalterische Hilfsmittel aus dem Internet macht sich Avery Singer zunutze: Sie kreiert Bildräume mit der kostenlos verfügbaren Software Sketchup. Diese kubistischen Bilder überträgt sie in einem aufwendigen Verfahren per Airbrush-Technik auf eine metergroße Leinwand. So entstehen Gemälde in facettenreichem Grau-Weiß.

Ebenso technisch ausgefeilt ist die Videoarbeit von Ryan Trecartin. Er beschäftigt sich mit dem Trend, Privatvideos auf Kanälen wie Youtube zu veröffentlichen. Im Gestus von Billigserien und Reality-TV zeigt er schräge Gestalten in Schlafzimmern, die pompös in die Kamera sprechen. Bis sie zu virtuellen Figuren werden, animierte und gefilmte Bildebenen überlagern sich, aus den Köpfen scheinen einzelne Pixel herauszufallen.

Neue Ausstellung im Fridericianum

Es geht ferner um den Kult mit Trinkwassermarken, Yoga und Outdoorjacken, um die Nachrichtenflut im Netz und das allgegenwärtige Monitorblau. Timur Si-Qin weckt schon mit einem Geruch Assoziationen: Chemisch stinkendes Axe-Duschgel tropft aus Flaschen, die mit Samuraischwertern durchbohrt wurden. Symbole für Männlichkeit.

„Speculations on Anonymous Materials“ läuft im Kasseler Fridericianum bis 26. Januar 2014. Die Schau ist Dienstag - Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet, Donnerstag bis 20 Uhr.

Von Bettina Fraschke

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