Bildhauer Stephan Balkenhol zieht zurück nach Kassel

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Auge in Auge mit dem Komponisten: Stephan Balkenhol in seinem neuen Kasseler Atelier mit seiner Wagner-Figur.

Kassel. Eine Kochplatte steht da, eine alte Schreibmaschine, ein Wasserkocher, Kaffeepulver. Der Heizstrahler spendet wenigstens ein bisschen Wärme, das Smartphone steckt in einem Lautsprecher, gerade singt Kate Bush.

In der Ecke stapeln sich 30 Pakete Ton, brennbar bei 980 bis 1200 Grad. Alles ist noch provisorisch im Atelier der Nachrichtenmeisterei, das Stephan Balkenhol gerade neben der Turnhalle am Kulturbahnhof bezogen hat und bald ausbauen will. Der 56-Jährige, der in Kassel Abi gemacht hat, will dauerhaft zurückkehren.

Vorigen Sommer hat der Bildhauer, dessen Skulpturen zu den beliebtesten Werken der zeitgenössischen Kunst gehören, bundesweit Schlagzeilen gemacht, als sich documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev durch seinen Mann im Kirchturm von St. Elisabeth „bedroht“ gefühlt hatte. Die Ausstellung auf Einladung der katholischen Kirche brachte Balkenhol die Sympathien vieler Kasseler und documenta-Besucher. Und sie hatte für ihn selbst ungeahnte Folgen.

„Ich habe im Sommer meine künftige Frau kennengelernt“, sagt Balkenhol und will ansonsten über Privates ungern reden. Nur so viel: Es beginne für ihn ein neuer Lebensabschnitt, „ich will in Kassel richtig Fuß fassen“. Den Wohnsitz in Karlsruhe, wo er seine Professur hat, und das Atelier in Lothringen will er gleichwohl behalten.

Balkenhol umkreist, die Zigarette im Mundwinkel, die Tonfigur, an der er zurzeit arbeitet. Sie ist fest auf Holzpaletten verschraubt, der Bildhauer steigt auf ein Podest, um seinem Rohling, der später abgeformt und in Bronze gegossen werden wird, Auge in Auge gegenüberzustehen, zu formen, zu kneten, zu spachteln. Selbstbewusst hat die Figur die Hand in die Seite gestemmt: Richard Wagner als junger Mann, Neuerer und Revolutionär.

Balkenhols Entwurf hat den Wettbewerb des Leipziger Wagner-Denkmal-Vereins gewonnen, nun fertigt er für den historischen Sockel von Max Klinger am Promenadenring in Wagners Geburtsstadt das weltweit einzige Denkmal, das zu dessen 200. Geburtstag am 22. Mai enthüllt werden soll. Der lebensgroße Wagner wird vor seiner übergroßen Silhouette stehen. „Ich bin kein Wagnerianer“, sagt Balkenhol, der Komponist sei eine „total zwiespältige Persönlichkeit“ gewesen, aber eben auch ein Visionär, der bahnbrechende Neuerungen im Sinne eines Gesamtkunstwerks geschaffen habe, mit Folgen nicht nur für die Musik, sondern für die Bühnendramaturgie bis hin zum Film.

Bilder: Balkenhol eröffnet Atelier in Kassel

Balkenhol eröffnet Atelier in Kassel

Gegen plumpe, allzu direkte Deutungen sträubt sich Balkenhol. Er ist für eine offene Rezeption, versteht sein Denkmal als Darstellung visionär-künstlerischen Schaffens überhaupt.

Und das Leben in Kassel? „Ich finde es sehr angenehm in einer mittelgroßen Stadt“, sagt der 56-Jährige. Sie raube weniger Energie als etwa Berlin. Die Lebensqualität sei hoch, Kultur werde mit hohem Engagement und Leidenschaft betrieben, „die Qualität ist gleichwertig wie in Metropolen“. Zudem liege Kassel zentral, und das soziale Netz lasse sich leicht aufrechterhalten: „Man trifft sich schnell.“

Zur Person Stephan Balkenhol

Stephan Balkenhol wurde am 10. Februar 1957 in Fritzlar als Sohn eines Oberstudienrats geboren. Er wuchs in Kassel und Luxemburg auf, Abitur am Friedrichsgymnasium. Balkenhol studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Ulrich Rückriem. Er selbst unterrichtete am Städel-Institut, seit 1992 hat der 56-Jährige eine Professur an der Akademie in Karlsruhe inne. Balkenhol-Werke sind in zahlreichen Städten zu sehen, prominent etwa in Hamburg („Vier Männer auf Bojen“ in der Elbe sowie vor Hagenbecks Tierpark), Berlin (Axel-Springer-Hochhaus), Hannover, Bremen und München. In Rom steht seine bisher höchste Skulptur, ein sechs Meter hoher Männertorso aus Zedernholz im Caesarforum. Sein Bruder Bernhard ist Dozent an der Kunsthochschule und Vorsitzender des Kunstvereins.

Von Mark-Christian von Busse

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