Von wegen Justin Bieber: Die Band Fotos im Schlachthof

Bildschöner Indie-Rock

Da fühlen sich selbst Depressive gigantisch: Tom Hessler von Fotos. Foto: Lohr

Kassel. Es ist ein bisschen gemein, aber nicht zu verleugnen: Tom Hessler sieht aus wie der Justin Bieber des Indie-Rock. Schon vor sechs Jahren hat der Sänger und Gitarrist mit drei Freunden in Hamburg die Band Fotos gegründet, die nach drei Alben längst arriviert ist im deutschen Pop. Aber auf der Bühne des Kasseler Schlachthofs wirkte Hessler am Freitag immer noch so extrem jugendlich.

Er trug ein schlichtes schwarzes Shirt, verzichtete nach der Vorband Sir Simon Battle auf routinierte Ansagen, und als die Stimmung unter den 130 Fans im vollen Kulturzentrum etwas abzuflauen drohte, forderte er das Publikum auf, sich doch zu bewegen. Das war sympathisch, weil man so etwas auch von schüchternen Schülerbands kennt, aber eigentlich haben Fotos derlei Animationsrhetorik nicht nötig. Dafür sind ihre Songs zu gut.

Direkt nach Hesslers Ansage wippten die Besucher tatsächlich im Takt zum grandiosen Liebeslied-Crescendo „Giganten“, bei dem sich selbst Depressive gigantisch fühlen. Und wenig später sang der gesamte Saal jede Zeile von „Explodieren“ mit, das in diesen Wochen auch den Anti-Kapitalismus-Protest in den Straßen untermalen könnte, wenn es am Ende heißt: „Hör endlich auf zu funktionieren. Jetzt ist die Zeit zu explodieren.“

Fotos, die von Kritikern schon mal als „beste Band des Landes“ gefeiert werden, warten immer noch auf die Explosion, die im Fachjargon „kommerzieller Durchbruch“ heißt. Ihr 75-minütiges Set im Schlachthof verdeutlichte ihre Entwicklung von Power-Pop über zackigen New Wave bis zu den atmosphärisch dichten Songs des aktuellen Albums „Porzellan“, das an Radiohead und Brian Eno erinnert.

Kassel, sagte Hessler, der mit seinen Deutschrock-Kollegen schon durch England, Indien, Bangladesch und Libyen getourt ist, sei bislang ein weißer Fleck auf der Band-Karte gewesen. Nun haben sich die Kasseler ein Bild von Fotos gemacht. Wir werden es in unseren Köpfen behalten und nie mehr an Justin Bieber denken.

Von Matthias Lohr

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