Das Menschenbild in Malerei und Fotografie in einer Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum

Bismarck trifft auf Tätowierten

Porträt aus der Renaissance: Bartholomäus Bruyn d.Ä. (1493 – 1555), „Bildnis einer jüngeren Frau mit Nelke“, Öl auf Eichenholz. Foto: Wallraf-Richartz-Museum Köln

Köln. Es geht ums Ganze, das verdeutlicht schon der Titel: „Auf Leben und Tod“. Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum wird das Menschenbild in Meisterwerken der Malerei vom 15. bis ins 20. Jahrhundert und der zeitgenössischen Fotografie in dialogischen Konfrontationen untersucht.

Fotokunst auf Augenhöhe mit den Alten Meistern, mit Tizian und Tintoretto, Francois Boucher und Dominique Ingres - das soll weniger ein neuerlicher Versuch sein, die Rolle der Fotografie in der Bildenden Kunst zu stärken. Vielmehr ist die Ausstellung mit ihren über hundert Werken auch ein Reflex darauf, dass für die Fotografen der Mensch als Thema eine größere Rolle zu spielen scheint als für die Künstler anderer Gattungen.

Das Bildnis des Kölner Renaissance-Porträtisten Bartholomäus Bruyn, das eine fromme Dame mit weißer Haube zeigt, kommentiert der Fotograf Hendrik Kerstens ironisch. Den Kopf seiner selbstbewusst in die Kamera blickenden Schönheit schmückt eine farblose Plastiktüte, die als solche erst bei genauerer Betrachtung zu erkennen ist. Die Frau als Ware?

Aber nicht alle Gegenüberstellungen der Kölner Schau verdanken sich bewussten Zitaten der Zeitgenossen. Kurator Roland Krischel suchte nach Analogien und fand sie oft in überzeugender Weise. Etwa in einer Skizze eines alten, bärtigen Mannes von Hans Canon aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, das neben einer vergleichbar ausdrucksstarken Profilfotografie von Fidel Castro zu sehen ist, die Roberto Salas 2002 aus kurzer Distanz aufgenommen hat.

Von der Geburt über die Jugend, Schönheit und Leid bis zu Alter und Tod - die Ausstellung folgt thematisch gebündelt dem Ablauf des Lebens. Sie zeigt, dass die Fotografen nicht nur auf die Themen, sondern auch auf die Bildfindungsstrategien der Alten Meister reagieren. Es kann nicht verwundern, dass bei aller formalen Nähe der gewandelte Umgang mit Körper und Geschlecht für die gravierendsten Unterschiede sorgt.

Eine Ecce-Homo-Darstellung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts wird von Jack Piersons Porträt eines vernarbten Männerkörpers flankiert. Lenbachs erhabenes Bismarck-Porträt in Öl sieht sich gar mit einem Ganzkörpertätowierten konfrontiert.

Bei allen Analogien und Divergenzen kann dem Betrachter kaum entgehen, dass das Menschenbild der zeitgenössischen Künstler wenig Optimismus verrät. Dem Halt, den die Ahnen im Religiösen fanden, entspricht heute eine Haltlosigkeit, die sich im Ausloten der Extreme zeigt.

Mit der Ausstellung ist dem Museum ein Schachzug gelungen. Es öffnet sich der zeitgenössischen Kunst und damit auch einem Publikum, das meist einen Bogen um die Alten Meister macht.

Bis 9. Januar 2011, www.wallraf.museum.de, Katalog 24 Euro.

Von Ulrich Traub

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