„Armut - Perspektiven in Kunst und Gesellschaft.“ Zwei Ausstellungen in Trier von Antike bis Gegenwart

Bitte um eine kleine Spende

„Das karge Mahl“: Werk von Pablo Picasso, aus Die Folge der Gaukler, 1904 (Abzug 1913), Ulm, Museum der Brotkultur. Foto: Succession Picasso/ nh

Trier. Absolute Armut bezeichnet ein Leben am Rande des Existenzminimums. Relative Armut trifft auf diejenigen zu, deren Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in dem Land beträgt, in dem sie leben. Mit 250 Kunstwerken geben das Rheinische Landesmuseum Trier und das Stadtmuseum Simeonstift Auskunft über unterschiedliche Sichtweisen auf Armut und Arme in Europa von der Antike bis zur Gegenwart.

Die im Landesmuseum aufgebotenen Statuetten und Plastiken der griechisch-römischen Antike zeigen bucklige Bettler, tanzende „Dickbauchzwerge“ mit entblößtem Unterleib, Fratzen und die „Trunkene Alte“. Bettler und körperlich Versehrte traten auf Festen zur Belustigung des Publikums auf. Herbert Uerlings, Initiator der Ausstellungen, erklärt: In der Antike wurde Armut den Armen selbst angelastet. „Ein Armer galt nicht als hilfsbedürftig oder bemitleidenswert.“

Die christliche Armenfürsorge ist eine der Perspektiven, die das Stadtmuseum Simeonstift näher bringt. Almosengeben, Nächstenliebe und Barmherzigkeit waren im Mittelalter keine selbstlose Angelegenheit. Die Wohlhabenden bedurften der Armen geradezu, um ihr Seelenheil zu retten. Herbert Uerlings berichtet: „So wie das Almosen dem Bettler hilft, kann der Gebende, der vom Empfänger als Gegenleistung ein Gebet erhoffen darf, auf Barmherzigkeit Gottes hoffen.“ Zur Personifikation freiwilliger Armut und Nächstenliebe ist die Heilige Elisabeth geworden. Eine Holzskulptur (Ende 15. Jh.) aus dem Umkreis von Tilman Riemenschneider zeigt, wie sie einem zu ihren Füßen kauernden Bettler Spitzbrot und Flasche darreicht.

In der Neuzeit setzte sich die Auffassung durch, dass Armut ein durch Kommunen und Staat zu beseitigendes Übel sei. Gern wurde sie als selbstverschuldeter Zustand hingestellt. Früher wollte man dem durch „fürsorgliche Zwangsmaßnahmen“ abhelfen. Das zeigt die von Reinier Vinkels geschaffene kolorierte Federzeichnung „Das Portal des Zucht- und Rasphauses“ (1767) von Amsterdam. Zwei Stadtpolizisten haben einen Faulenzer aufgegriffen und schaffen ihn in die geschlossene Anstalt, um ihn durch aufgezwungene Arbeit gesellschaftsfähig zu machen.

Zwar sind mangelhafter Arbeitslohn, konjunkturelle Schwankungen und Wirtschaftskrisen als zentrale Armutsursachen bekannt. Doch neuerdings greift wieder die Behauptung von der Selbstverschuldung um sich. Und mit ihr „eine Politik, die in Deutschland in der Formel vom Fördern und Fordern ihren Ausdruck fand, welche die Debatten über die so genannten Hartz-IV-Reformen geprägt hat“, wie Herbert Uerlings urteilt.

Am Ende des Rundgangs sitzt ganz aktuell und zeitgemäß ein Obdachloser da, als habe man ihn aus der Fußgängerzone ins Museum geholt. Er ist eine Plastik von Albrecht Wild und heißt harmlos „Sitzender“ (2008).

Bis 31.7.2011 in Trier. Rheinisches Landesmuseum, Weimarer Allee 1. Di.-So. 10-17 Uhr. Tel.: 0651-97740. Stadtmuseum Simeonstift, Simeonstraße 60. Di.-So. 10-18 Uhr. Tel.: 0651-7181459. www.armut-ausstellung.de. Literatur: „Armut in der Antike“, 9,90 Euro. „Armut - Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“, Primus Verlag, 39,90 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.