Weltschmerz und Weltverbesserung: Rainhard Fendrich beim „Sommer im Park“

Mit bitterbösem Charme

Viele kleine Perlen: Rainhard Fendrich bei seinem Auftritt in Vellmar. Foto: Fischer

Vellmar. Seine Zeit ist der September. Wenn die Tage warm, die Nächte aber schon recht kühl sind, der Winter weit ist, eine Ahnung vom Herbst in der Luft liegt. Die Jahreszeiten als Metapher für Lebensstufen - so schön melancholisch wie dieses Lied konnte es sein am Freitagabend im vollbesetzten Zelt in Vellmar (Kreis Kassel). „Sommer im Park“ heißt das Festival, draußen ein frischer Frühlingsabend, drinnen ein wohlgesonnenes, später begeistertes Publikum, das dem Wiener Liedermacher Rainhard Fendrich nur zu gerne folgte auf seiner Zeitreise.

Großartig begleitet von seinem Pianisten Dieter Kolbeck, ganz in Schwarz, nur Gitarre und Stimme, mehr braucht es nicht für einen wie ihn, fast drei Stunden in einem beachtenswerten Balanceakt zwischen Poesie und Polemik. Wiener Melange, mit einem Fendrich in Hochform - zu der er erst auflaufen musste.

Denn zunächst arbeitete er sich mit neuen Liedern ab an Themen aus Nachrichten und Talkshows. Weniger Weltschmerz, vielmehr Weltverbesserung schien das Motto des 56-Jährigen, der vor kurzem nochmal Vater geworden ist. Süffisant anmoderiert und mit Anekdoten versehen, war da fast alles vertreten: Gleichberechtigung, Belästigung am Arbeitsplatz, Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe, Jugendgewalt, korrupte Politiker. Diese Texte wiegen auch deshalb schwer, weil die Moral erdrückt und ihnen die Ironie abhanden kommt - und weil aus einem wahren Satz noch kein berührendes Lied wird.

Wenn er dann über Partyluder und die Bussi-Gesellschaft herzieht, blitzt er wieder auf, der bitterböse Charme, für den Fendrich berühmt-berüchtigt ist. Wenn er von seinem 20-jährigen Sohn erzählt, der stolz von 400 Facebook-Freunden berichtet, von denen er sogar einen kennt. Wunderbar die Hommage an seinen toten Freund und Weggefährten Georg Danzer: „Lass mi amoi no d‘Sun aufgeh segn“. Und überhaupt entstehen die schönsten Momente im Dialekt.

Von denen dürfen die alten Lieder nicht fehlen: „Macho Macho“, „Es lebe der Sport“ oder „Strada del Sole“. Doch es sind die leisen Geschichten, die am meisten Magie haben. Wie die vom Großvater im Prater, der in der Geisterbahn den kleinen Rainhard mit dem Sensenmann bekannt macht. Ironischerweise ist es der personifizierte Tod, der dem schlotternden Achtjährigen beim Stromausfall mit der Taschenlampe erscheint und ihn hinaus ins Leben führt.

Mehr noch als aufbrausenden Applaus lieben Liedermacher die Stille während solcher Perlen. Rainhard Fendrich erlebte beides. Und die Zuhörer ein grandioses Konzert.

Festival „Sommer im Park“ heute, 20 Uhr: Georg Schramm. Dienstag, 20 Uhr: Gerd Dudenhöffer spielt Heinz Becker. Karten: Tel. 0561/203204 und 8617893

Von Ullrich Riedler

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