Wie kurios Sprachspiele sein können, erlebte HNA-Volontärin Friederike Szamborzki bei der Performance „27 Gnosis“

Kuriose Sprachspiele auf der documenta: 27 Gnosis

Gemeinsam im Hügel: Die ausgewählten Mitspieler warten mehr oder weniger aufgeregt auf den Beginn der Mitmach-Performance „27 Gnosis“ mit Michael Portnoy (vorn) und seiner Assistentin und Ehefrau Ieva Miseviciute. 3 Fotos: Schachtschneider

Kassel. Der Mann, mit dem ich die 27 bizarrsten Minuten meines Lebens verbringen soll, trägt lila Lidschatten und ist von seinem Projekt in einem Erdhügel begeistert.

„Wir wollen ontische Sphären schaffen“, sagt Michael Portnoy und blickt mich mit seinen hellen Augen eindringlich an. Wissenssphären, die unabhängig von unserem Bewusstsein existieren. Klingt schräg, aber spannend.

Wer führt wen an der Nase herum? Tanz ist ebenfalls Teil der Performance „27 Gnosis“.

Wir stehen im Nordflügel des Kulturbahnhofs. Die Halle ist stockfinster, nur auf den Erdhügel, der meterhoch vor mir aufragt, fällt schummeriges Licht. Schemenhaft erkenne ich andere Besucher. Wir starren auf den Hügel. Was wird passieren? Ein schwarz gekleideter Mann drückt mir eine schimmernde Scheibe in Hand, an einer Ecke ist sie mit lila Farbe bemalt. „Dschao“, sagt er, als wäre das eine sinnvolle Aussage. Ich soll die Scheibe am ausgestreckten Arm Richtung Hügel halten. Wird das ein schamanistisches Ritual? Beten wir den Hügel an? „Du bist auserwählt, bei 27 Gnosis mitzuspielen“, sagt eine Frau in Schwarz. „Das Spiel dauert 27 Minuten, es wird erwartet, dass du bleibst.“ Bis zum Spielbeginn sind es noch fünf Minuten. Mein Arm wird schwer.

Etwa 30 Besucher erhalten eine Scheibe. Dann steigen wir auf den Hügel, vom Rand führt eine steile Treppe ins lila beleuchtete Innere. Der Boden ist nach oben gewölbt, die Wände schräg, dort lehnen wir uns an. Ich fühle kühlen Beton. Los geht’s.

Vor dem Erdhügel: Die Scheibe zeigt es an, HNA-Volontärin Friederike Szamborzki darf bei „27 Gnosis“ mitspielen.

Tänzer in aufgeschlitzten Jacketts bewegen sich zu sphärischer Musik. Michael Portnoy und seine Assistentin Ieva Miseviciute. Die Körper zucken, als würde jeder Muskel spontan in eine andere Richtung streben. Dann teilen sie Spieler ein, jeweils drei sollen sich um eine Säule gruppieren.

Portnoy beginnt zu reden, doziert auf Englisch. Ich konzentriere mich, versuche, ihm zu folgen. Ich habe in Wales und den USA gelebt, Englisch studiert. Meist verstehe ich Muttersprachler gut. Bis jetzt. Abstrakte, philosophische Begriffe prasseln ohne erkennbaren Zusammenhang auf mich ein. Worum geht es? Später wird mir Portnoy erklären, wer kein komplexes Englisch verstehe, könnte eben nur das Umfeld, nicht den Inhalt der Performance erleben.

„Proposition“, sagt Portnoy im Spiel. Vorschlag. Details verstehe ich nicht. Die Teams sollen sich etwas dazu überlegen, sie haben zwei Minuten. „Ihr werdet nach der Umständlichkeit und Unwahrscheinlichkeit eurer Ergebnisse bewertet“, kündigt Portnoy an. „Als Hilfe gebe ich euch diese Gnosis.“ Er stellt einen schwarzen Lehmklumpen auf die Säulen. „Gnosis“ heißt „Erkenntnis“. Hoffentlich hilft es.

Minuten verrinnen. An der linken Säule meldet sich ein Mann mit grauer Mütze. Seine Sätze ergeben keinen Sinn, Portnoy hakt nach. „Obscurity“, wiederholt der Mann. Dunkelheit, Unklarheit. Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Sie gewinnen. Nächste Runde, neuer Vorschlag: „Überschwang der Seitigkeit“. Ein Mann mit Jute-Tasche erzählt von einer zitternden Ente. Portnoy fordert ihn auf, den Hügel zu verlassen. Das andere Team macht eine Bewegung und gewinnt.

Portnoy muss schnell auf die spontanen Beiträge reagieren. „Manchmal verstehen wir sie auch nicht.“ Das sei okay. Der letzte Beitrag bestimmt die heutige erste Runde: „Fossility“, die Möglichkeit, ein Fossil zu sein. Viel Spaß damit.

Von Friederike Szamborzki

Zur Person Der New Yorker Michael Portnoy (41) ist Literaturwissenschaftler, Tänzer, Sänger und Choreograf und bezeichnet sich als „Verhaltens-Regisseur“. In Performances beschäftigt er sich mit Kommunikation und Spiel. Für die d13 hat er die Spielshow „27 Gnosis“ entwickelt, Ehefrau Ieva Miseviciute assistiert. „Den meisten Spaß haben wir mit Spielern, die auf einem hohen Level der Abstraktion denken können“, sagt er. (fsz)

„27 Gnosis“ zum Mitmachen

Die Performance „27 Gnosis“ mit Michael Portnoy findet bis zum 15. August samstags, sonntags und montags jeweils um 18.30 Uhr im Nordflügel des Kulturbahnhofs statt. Zum Mitmachen benötigt man ein gültiges d13-Ticket.

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