Ich bleibe also Jude: Rosenzweig-Schau des Stadtmuseums

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Repräsentative Adresse: Die Rosenzweigs bewohnten diese Villa an der Terrasse 1.

Kassel. „Deutsche kaufen in deutschen Geschäften!“ Mit dieser Aufforderung eröffnete die Festschrift zum „Deutschen Tag in Cassel“ am 31. Mai/1. Juni 1924 ihren Anzeigenteil.

Der Festtag von konservativen Soldatenvereinigungen und vaterländischen Vereinen nahm mit seinem völkisch-republikfeindlichen Geist den Boykottaufruf der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäftsleute vorweg. Die Welle, die nach 1933 zur Katastrophe führte, rauschte bereits heran.

So formulierte es Dr. Cornelia Dörr, Leiterin des Stadtmuseums, bei der Eröffnung einer Ausstellung, die in der Schaustelle des Museums dem in Kassel geborenen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886 - 1929) gewidmet ist. Die Ausstellung über Rosenzweig, „einen der großen Söhne unserer Stadt (Oberbürgermeister Bertram Hilgen), erzählt viel von der jüdischen Geschichte Kassels, von Emanzipation und Assimilation. Zu sehen sind auch Modelle der Kasseler Synagogen. „Wir konnten das Thema des anwachsenden Antisemitismus aber nicht aussparen“, sagt Dörr.

Franz Rosenzweig

„Ich bleibe also Jude ...“ ist die Schau - die dritte zu Rosenzweig seit 1986 - betitelt. Der Historiker und Philosoph entstammte dem liberalen jüdischen Milieu. Sein Vater, Unternehmer Georg Rosenzweig (1867-1918) war als Mäzen, Stifter und Stadtrat hoch angesehen. In der Ausstellung, die die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zur Woche der Brüderlichkeit und zum Stadtjubiläum initiiert hat - hängt etwa die Reproduktion eines Wandgemäldes von der Rathaus-Eröffnung 1909, die Rosenzweig senior zeigt.

Franz war kurz davor, zum Christentum überzutreten. In Leipzig hatten ihn am 7. Juli 1913 Vettern und Freunde fast vom Sinn einer Konversion überzeugt. Nach kurzer Verunsicherung teilte er ihnen per Brief mit: „Ich bleibe also Jude.“

Mit Scherenschnitten, Daguerreotypien, Zeichnungen und Erstausgaben, auch seiner Promotionsurkunde, wird Rosenzweigs Leben erzählt. Zu den berührendsten Exponaten gehört ein Büchlein, in dem der junge Vater die frühesten Sprechversuche seines zweijährigen Sohnes aufzeichnete („Die 24 Worte des Rafael Rosenzweig“), sowie ein Eintaster-AEG-Schreibgerät, wie es der an einer unheilbaren Lähmung (Amyotrophe Lateralsklerose) erkrankte Philosoph benutzen konnte. Er erlag ihr kurz vor seinem 43. Geburtstag.

Bis 24. Mai, Wilhelmsstraße 1, Di bis Fr 12.30 bis 17 Uhr.

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