Ausstellung, Konzert und Symposium untersuchen „Struktur.Wandel“ im Südflügel des Kulturbahnhofs

Es bleibt immer alles anders

Nur die Farben ändern sich: „Formengleiche Verwandlung“ von Karl Heinz Bastian, Acrylfarbe auf Spanplatte, 120 x 240 cm. Fotos: nh

Kassel. Alles fließt. Was dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschrieben wird, bringt eine elementare menschliche Erfahrung auf den Punkt: Nichts bleibt, wie es ist, alles ist ständigem Wandel unterworfen.

Wachstum, Verwandlung, Metamorphosen - all das ist seit jeher ein Thema der Geistesgeschichte. Wie sich der Prozessgedanke heute in Bildender Kunst, Musik und Philosophie darstellt, damit beschäftigt sich die Ausstellung „Struktur. Wandel“ im Südflügel des Kulturbahnhofs.

Vorangestellt ist ein Satz von Kurt Schwitters und El Lissitzky: „Jede Form ist das erstarrte Momentbild eines Prozesses. Also ist das Werk Haltestelle des Werdens und nicht erstarrtes Ziel.“ Kurator Reinhard Buskies, Kunst- sowie Musikwissenschaftler (Bochum), weist auf Goethes Metamorphosenlehre hin, wonach nichts statisch sei, jeder Formzustand eine Zeitlichkeit kenne, ein Vorher und Nachher. Diese Welterfahrung habe sich wegen der allgegenwärtigen Beschleunigung radikalisiert.

Was womöglich abstrakt und sperrig klingt, wird in der Ausstellung schnell anschaulich. Etwa mit Hana Hasiliks Plastik: Tonscheiben sind in der Bewegung, im fragilen Punkt des Kippens, festgehalten. Oder in Karl Heinz Bastians „Formengleiche Verwandlung“: Während die Struktur seines Gemäldes gleich bleibt, sorgen minimale Farb-Veränderungen für Wandel. Hildegard Jaekel kombiniert natürliche und künstliche Schwämme, Ruth Lahrmann zeigt einen chemischen Prozess, Abdrucke von Rost.

Frank Linde fotografiert veränderliche Strukturen in der Natur: Erde, Bäume. Frank Piasta verteilt farbige Silikonelemente so zufällig auf dem Boden, dass man sie unwillkürlich selbst zu einem Bild fügen möchte: Kunst zeigt immer nur einen Ausschnitt der Welt. Auch Wladimir Olenburgs 14 Meter lange Bodenarbeit ließe sich ins Unendliche fortsetzen.

Der Prozess, in dem Kunst entsteht, und wie sich Prozesshaftigkeit in Bilder einschreibt, in Plastiken visualisiert wird, ist das eine Thema - das durch Videoarbeiten, denen Prozesshaftigkeit von vornherein eigen ist, spannend hätte ergänzt werden können. Thematisiert wird aber auch der Wandel der Wahrnehmung von Kunst.

Denn nicht nur Kunst verändert sich, unser Blick wird ein anderer. „A thing of beauty is a joy for ever“ zitiert Otto Reitsperger den Dichter Keats: Schönheit ist unvergänglich. Seine Fotoinstallation „Menade“ beweist das Gegenteil.

Sie zeigt Aufnahmen eines Gipsabgusses einer römischen Kopie einer verschollenen griechischen Skulptur. Die Arme sind abgeschlagen. Marmor bekommt Risse. Kunst vermag es nicht, Entwicklung aufzuhalten, die Welt, die sich immer weiterdreht, anzuhalten.

Von Mark-Christian von Busse

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