Michael von zur Mühlen inszeniert in Göttingen Thomas Manns „Zauberberg“ als Gegenwartsstück

Es bleibt nur Melancholie

Im Zustand völliger Entfremdung: Die Schauspieler Lutz Gebhardt (von links), Gerrit Neuhaus, Florian Eppinger, Meinolf Steiner und Nadine Nollau auf der Bühne im Deutschen Theater als einsame Sinnsucher. Foto: Müller

Göttingen. Michael von zur Mühlen hat es sich nicht leicht gemacht. Mit Thomas Manns „Zauberberg“ feierte er am Samstag am Deutschen Theater in Göttingen Premiere eines Stücks, dem ein Ruf der Uninszenierbarkeit vorauseilt.

Mit der Frage „Sind wir nicht alle ein bisschen Castorp?“ nähert sich der Regisseur dem Stoff von einem aktuellen Blickpunkt, verlegt die Handlung in die Zeit von Eurokrise, Occupy-Bewegung und Burn-out-Syndrom und lässt die Berghof-Insassen über den Arabischen Frühling streiten.

Der Kerngedanke aber bleibt: Die Patienten werden in der Abgeschiedenheit zu tragikomischen Sinnsuchern, die über die Welt „da unten“ Nebensatz um Nebensatz in die Leere spinnen und an ihrer eigenen Passivität und Lebensfremdheit zugrunde gehen.

Der überzeugte Humanist, der Nationalstaatsbefürworter und Kapitalismusgegner, die aufbrausende Menschenrechtlerin, der reiche Wohltäter, die sich ungeliebt fühlende Alleinstehende, sie alle brüllen sich ihre Überzeugungen entgegen, als wollten sie die innere Unsicherheit übertönen.

Vereint werden sie durch ihre Einsamkeit, die Sehnsucht nach Nähe in einer Welt der Abtrennung, in der nur die Leistung zählt. „Ich achte die Arbeit, aber ich kann sie nicht lieben“, verzweifelt der Bürger der Leistungsgesellschaft, der erkennen muss, dass er angesichts des allgegenwärtigen Wettbewerbs nicht besteht.

So sinnieren und zitieren die Patienten vor sich hin, sitzen selbst in einem Zuschauerraum und blicken auf das Bühnenbild von Christoph Ernst, welches ein Occupy-Camp zeigt, dessen Protestierende jedoch nur Puppen sind, deren Plakate Resignation statt Willen zur Veränderung verkünden. Die Sanatoriums-Insassen selbst leben in einem Zustand der völligen Entfremdung.

In Anbetracht des echten, schmutzigen Lebens empfinden sie Entsetzen, ja Ekel. Lediglich der Künstler ist begeistert vom Anblick eines schlammigen, das Leben bejahenden Etwas, der Mensch dahinter bleibt aber unberücksichtigt.

Stets kommt in den teilweise sehr lang geratenen Monologen die Faszination für Krankheit als Weg zur Genialität, die Sympathie für den Tod zum Tragen. Dabei will eigentlich niemand sterben, meint, man verschließe sich bloß der Utopie, die diesem Wunsch innewohnt. So ist der Mensch gefangen in einer Gesellschaft, die der Möglichkeit keinen Platz einräumt, einer Gesellschaft, deren Endprodukt letztendlich die Melancholie ist.

Das Publikum wird angeschrien, verurteilt als Opportunisten, minutenlanger Stille ausgesetzt. Man fühlt sich beobachtet. Nicht allen Zuschauern gefällt die ins Heute verlegte Inszenierung, manche verlassen die mehr als dreistündige Aufführung. Die schauspielerische Leistung indessen bleibt sehr beachtlich. Zwischen allem Geschrei, Gepolter und aller bemühter Selbstdarstellung klingen immer wieder Unsicherheit, Verletzlichkeit, kurz: das Menschliche, durch.

Nächste Termine: 20., 31.1., 3.2., Tel. 0551/4969-11, www.dt-goettingen.de

Von Hannah Becker

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