Studenten der Schauspielschule präsentierten in der Kulturfabrik Salzmann Molières „Menschenfeind“

Der Blick durchs Schlüsselloch

Abhängigkeit: Alceste (Till U. Herber) braucht Celimene (Silke Senning). Foto: Fischer

Kassel. „Erst schmieren sie einander Honig um den Mund, dann bereiten sie den Untergang vor.“ Der scharfzüngige Publizist und Moralist Alceste ist nicht gut zu sprechen auf die Menschen. Ob Partyfreuden, Politik oder das Band, das die Geschlechter verbindet - für ihn alles Anlass, seiner tiefen Abscheu Ausdruck zu geben oder im Alkohol zu versinken.

Sein Freund Phillinte sieht vieles ähnlich, doch durch eine andere Brille: „Wer bist du, den ersten Stein zu werfen? Wie wir alle wissen, besteht die Welt aus Kompromissen.“ Studenten der Schauspielschule Kassel führten am Donnerstagabend Molières Tragikomödie „Der Menschenfeind“ (Dozentin: Gabriela Ortega Sanchez) in einer Fassung von Hans Magnus Enzensberger im voll besetzten Saal der Kulturfabrik Salzmann auf.

Die Handlung? Nichts als der Blick durchs Schlüsselloch, direkt in die Scheinmoral und das wild wuchernde Panoptikum aus Eifersucht und Eitelkeiten, die die menschliche Gesellschaft wie prädestiniert für einen Menschenfeind machen.

Im Mittelpunkt steht die party-freudige Celimene. Obwohl sie mit Alceste (Till U. Herber überzeugte) eine Beziehung zu führen versucht, steht Celimenes Leben (Silke Senning mit viel Bühnenpräsenz) völlig im Fokus ausschweifender Begierden. Sie liebt es, umgarnt zu werden. Oronte (Corinna Kellner), ein aufgeblasener Hobby-Poet, zählt zu ihren aufdringlichsten Verehrern. Das Netz aus zwischenmenschlichen Spannungen verengt sich mit jedem weiteren Partygast, der Celimene besucht oder mit ihr feiert.

Als Alceste einen Brief in die Hände bekommt, in der Celimene für einen anderen schwärmt, fordert er kochend eine Entscheidung: „Oronte oder ich.“ Die Wahl fällt auf ihn, doch sein Wunsch, mit ihr irgendwo hinzuziehen, wo es keine Vertreter dieser verabscheuungswürdigen Spezies Mensch gibt, stößt bei ihr auf wenig Gegenliebe und führt zur nächsten Katastrophe. Fazit: Viel leidenschaftliches Schauspielerblut pulsiert in den Adern der jungen Darsteller. Die Texte waren nicht immer deutlich zu verstehen, da oft ein wenig zu leise gehalten. An Begabung jedoch mangelte es niemandem. Lautstarker Applaus vom Publikum.

Weitere Vorstellung heute, 20 Uhr, Kulturfabrik Salzmann.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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