Dokumentarisches Theaterstück „Wegschließen und zwar für immer“ feierte Premiere im Deutschen Theater

Ein Blick hinter die Mauern

Ein Blick hinter die Mauern: Imme Beccard als ehrenamtliche Helferin, die sich seit 13 Jahren um Straftäter kümmert. Im Hintergrund sitzt Thomas B. Hoffmann als Sicherungsverwahrter in seiner Zelle. Foto: Winarsch

Göttingen. Acht trostlose Quadratmeter. Eine Tür, ein Klo, ein Bett. Darauf sitzt Rudi. Mit tiefer, resignierter Stimme erzählt er, dass er sieben Frauen vergewaltigt hat. Eine Studentin hatte er mehrere Stunden in seiner Gewalt. Und doch, am Ende des Abends im voll besetzten Studio des Deutschen Theaters in Göttingen, entwickelt man Mitgefühl für diesen Mann. „Wegschließen und zwar für immer“, das am Donnerstagabend Premiere feierte, wirft einen Blick hinter die Mauern der deutschen Sicherungsverwahrung.

Das Stück von Nico Dietrich und Inken Kautter hat viel von einer Doku. Echte Interviews, die die beiden mit Sicherungsverwahrten, aber auch Richtern, Ehrenamtlichen und anderen Betroffenen geführt haben, dienten als Vorlage. Begleitet wurde zudem der Umzug der Straftäter von der JVA Celle nach Rosdorf bei Göttingen.

Der Zuschauer hat einiges zu verarbeiten. Erst wird er beim inszenierten Eintritt wie ein Sträfling kontrolliert. Dann nimmt er die Perpektive des Interviewers ein, denn die Schauspieler geben die Gespräche originalgetreu, dem Publikum zugewandt, wieder. Die persönliche Geschichten der Sicherungsverwahrten spielen dabei nur am Rande eine Rolle. Dietrich setzt bei seiner Inszenierung auch auf Information. Anwalt und Kriminologin geben beispielsweise einen Überblick, wie sich die rechtliche Lage in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat.

Viel Input, der aber unterhaltsame Momente hat. Etwa, wenn der naiv-grinsende Bürgermeister von seiner JVA Rosdorf – „Da bin ich stolz drauf, sie hätten sie ja auch Göttingen nennen können“ – spricht.

Insgesamt sind es 16 Rollen, zwischen denen Imme Beccard, Sibille Helfenberger, Thomas B. Hoffmann und Meinolf Steiner wechseln. Jogginghose übergestreift, Hemd ausgezogen, und schon wird aus dem Justizvollzugbeamten ein Sicherungsverwahrter. Ebenso einfach wie effektiv ist auch das Bühnenbild von Giovanni de Paulis. Eine Tür, ein paar Möbel. Genauso spartanisch wie es in einer Gefängniszelle eben aussieht. Klebeband markiert die Umrisse der Zimmer und gibt zusätzlich einen Eindruck, wie so ein Gefangener lebt.

Das Stück wühlt auf, macht nachdenklich. Es konfrontiert einen mit eigenen Vorurteilen und deckt unliebsame Mechanismen in Gesellschaft und Justiz auf. Das Publikum zeigte sich nach einer Stunde und 40 Minuten Spielzeit mit heftigem Applaus aber dankbar für den Denkanstoß.

Wieder am 30.11., Karten: 0551-496911. Internet: www.dt-goettingen.de

Von Verena Schulz

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