Mit Google Street View hat die Band Arcade Fire ein atemberaubendes Video geschaffen

Der Blick auf meine Welt

Geografie wird zu Pop: Satellitenbilder und 3-D-Fotografien aus dem Video zu „We Used To Wait“ - oben die teilweise verpixelte Schönhauser Allee in Berlin, unten (ohne Street-View-Bilder) die Waberner Straße im Borkener Stadtteil Großenenglis (Schwalm-Eder-Kreis). Fotos: nh

Was man bei der Diskussion um Google Street View nicht versteht, ist: Wieso dürfen Menschen eigentlich ihre Häuser oder Wohnungen in dem digitalen Stadtplan verpixeln? Kann jetzt jeder Bundeskanzler spielen und eine Bannmeile um sein Zuhause ziehen? Wieso wird öffentlicher Raum unter dem Vorwand des Datenschutzes privatisiert?

Das Musikvideo war bislang eine sehr öffentliche Angelegenheit. Früher sah man schnell geschnittene Clips auf MTV, später klickte man sich auf Youtube in die neuesten Filmchen. Man konsumierte die Ästhetik der Pop-Kultur, ohne Teil von ihr zu sein. Das ändert sich nun mit dem grandiosen Clip von Chris Milk, den der US-Regisseur für den Song „We Used To Wait“ der kanadischen Band Arcade Fire gedreht hat. Möglich gemacht haben die Revolution Googles Dienste Street View und Maps.

Für die „Süddeutsche Zeitung“ ist der Film „das anrührendste Musikvideo, das je gedreht wurde und nie übertroffen werden wird“. Selbst wer Superlative hasst, wird nach einem Besuch der Seite www.thewildernessdowntown.com der gleichen Meinung sein.

„We Used To Wait“ ist ein Lied vom aktuellen Arcade-Fire-Album „The Suburbs“, das von unserer Kindheit und Jugend handelt. Auf der Webseite muss man die Adresse seines Elternhauses eingeben, und anschließend sieht man es über Googles Kartendienst und (falls die Bilder für Deutschland vorliegen) Street View. In einem anderen Bildschirmfenster rennt ein Läufer, und 3-D-Bäume wachsen aus der Erde. Man kann eine Postkarte schreiben, von der Vögel abheben, und wenn sie über das eigene Elternhaus fliegen, bekommt man eine Gänsehaut. „We Used To Wait“ ist unser privates Video.

Die Seite ist natürlich Werbung für den kalifornischen Internetdienst, dessen Programmierer die Anwendung mit Milk gebaut haben. Ohne Probleme läuft das Video auch nur mit dem Google-Browser Chrome. Der Film ist trotzdem große Kunst. Er zeigt, dass Arcade Fire nicht nur musikalisch eine der wichtigsten Bands sind. Für ihre Single „The Suburbs“ hat Spike Jonze gerade einen weiteren großartigen Clip gedreht. Das Musikvideo als Genre ist längst noch nicht tot.

Begraben sollten wir hingegen unsere Angst vor Google Street View. Die 3-D-Bilder sind ungefähr so gefährlich wie ein herkömmlicher Falk-Stadtplan. Wer „We Used To Wait“ gesehen hat und danach immer noch sein Haus verpixeln lassen will, der sollte auch nur noch mit einer Burka umhüllt auf die Straße gehen.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.