Mit dem Blick nach vorn: Schirn Kunsthalle zeigt Edvard Munch

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Wie ein Bild im Kino: Das Gemälde „Das galoppierende Pferd“ (1912).

Frankfurt. „Der Schrei“ ist nicht dabei. Angela Lampe, Kuratorin der Ausstellung „Edvard Munch. Der moderne Blick“ kennt die Frage nach dem berühmtesten Werk des norwegischen Künstlers schon.

Doch die Ausstellung, die jetzt der Frankfurter Kunsthalle Schirn die erfolgreichste Eröffnung ihrer Geschichte beschert, ist keine Retrospektive, die ein Lebenswerk beleuchtet. Sie wagt vielmehr einen neuen, anderen Blick auf Munch (1863 - 1944), der weithin nicht nur als einer der Gründer des Expressionismus gilt. Er gilt auch als einsamer Mensch, der in seinen Bildern seine seelischen Qualen beschreibt.

Der dunkle Munch: „Vampir“ (1893).

Lampe will den modernen Munch zeigen, der für andere Medien aufgeschlossen, der auch ein Maler des 20. Jahrhunderts war. Dieser andere Blick auf Künstler und Werk passt perfekt in die Philosophie von Schirn-Direktor Max Hollein, der die 140 Werke umfassende Ausstellung nach Frankfurt holte, nachdem sie im Centre Pompidou fast eine halbe Million Besucher angezogen hatte; Zahlen, so der gebürtige Österreicher charmant, die Lampe „zur Heldin von Paris“ gemacht hätten.

Munch, so Lampe, habe sich sehr wohl für die Welt interessiert - für politische Kultur, aber auch für Fotografie und Film. Sein politisches Interesse zeigen das monumentale Werk „Arbeiter im Schnee“ und „Panik in Oslo“, entstanden während des Ersten Weltkriegs. Der frühe Film wiederum inspirierte Munch zu eigenen filmischen Experimenten, aber auch zu Bildern wie „Allein im Schneegestöber“ oder auch „Das galoppierende Pferd“. Motive, die aus dem Bild herausdrängen, so wie es die ersten Kinogänger manchmal mit Schrecken erlebt haben dürften.

Service

Die Ausstellung „Edvard Munch. Der moderne Blick“ ist bis zum 13. Mai in der Schirn am Frankfurter Römerberg zu sehen - anschließend geht sie in die Tate Modern nach London. Öffnungszeiten: Di und Fr - So 10 - 19 Uhr, Mi und Do 10 - 22 Uhr. Eintritt: 10 Euro (erm. 8 Euro, Familienkarte 20 Euro). Der Katalog (34,80 Euro/39,80 Euro im Buchhandel) ist im Hatje Cantz Verlag erschienen. www.schirn.de

Einen wichtigen Part nimmt die Fotografie ein, die längst nicht mehr als Illustration der Biografie, sondern als eigenständige Kunstform präsentiert wird. Auch seine Arbeit mit Theatermann Max Reinhardt in Berlin hat Munch geprägt. Dessen Sinn für einen intimen Bühnenraum, den engen Kontakt zwischen Schauspieler und Zuschauer, hat der Maler gleichsam übertragen auf seine Bilder.

„Eifersucht“ (1907) etwa zeigt im Vordergrund einen hilflosen Mann in einem engen, grün tapezierten Raum, in dessen Hintergrund sich ein Paar küsst. So wie der Mann auf den Betrachter zukommt, kann auch dieser sich der Stimmung nicht entziehen.

Einen Raum widmet die Schirn den Variationen der „Weinenden Frau“. Sie zeigen, dass Munch über Jahre Motive immer wiederholte - in diesem Fall nicht nur als Gemälde, sondern als Zeichnung, Lithografie und sogar als eine seiner wenigen Skulpturen. Für viele Besucher eine Entdeckung dürften auch die Aquarelle und Zeichnungen sein, die scheinbar nichts gemein haben mit Munchs malerischem Werk.

In ihnen gab der Künstler, der sich intensiv mit dem Sehen befasste, wieder, was sein 1930 durch eine Blutung beeinträchtigtes rechtes Auge wahrnahm. Zum Spätwerk Munchs gehören schließlich die Selbstbildnisse, die vor allem im 20. Jahrhundert entstanden - als Malerei, Grafik und Fotografien, mit denen er sein Leben in Bildern darstellte.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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