Matthias P. Gibert verarbeitet in seinem neuen Kassel-Krimi Jugenderinnerungen ans Kinderheim Karlshof

Nur er blieb ohne Tätowierung

Ort des Schreckens: Der Karlshof in Wabern. Foto:  nh

Kassel. Wenn heute Odenwaldzöglinge über früheren Missbrauch im Internat sprechen, haben sie einen Vorteil: Sie waren auf einer Vorzeigeschule. Ihnen hört man zu. Matthias P. Gibert weiß, dass das bei straffälligen Jugendlichen aus dem Heim nicht so ist. Dabei gab es auch dort Übergriffe.

Darüber hat der Kasseler Krimiautor seinen sechsten Roman geschrieben: „Schmuddelkinder“ erzählt von autoritären Strukturen, einem Erzieher, der sexuell übergriffig wurde, von Gewalt und erdrückender Perspektivlosigkeit der Jugendlichen, die in den 70er-Jahren im Heim verwahrt wurden. Was oft nur Vorhof zum Knast war. „Schmuddelkinder“ spielt im Karlshof in Wabern (Schwalm-Eder-Kreis).

Das Heim in den 70ern: Überforderte Betreuer, die auf die Schnelle von Bäcker oder Metzger auf Erzieher umgeschult worden waren, weil der Landeswohlfahrtsverband nicht ausreichend Personal hatte. Sie verwalteten Kinder, die ein Stigma hatten, an den Geschäften im Ort klebten Schilder, die warnten: Keine Karlshöfer. Gibert weiß das zu gut. Er war selbst dort Insasse.

Unter schwierigen Bedingungen im Taunus aufgewachsen geriet der heute 49-Jährige als Teenager auf die schiefe Bahn, wurde kriminell. „Ich war ein ganz böser Bube. Aber irgendwann merkte ich, dass es besser ist, mit dem Jugendamt zu kooperieren“, erzählt er. Diese Cleverness habe ihn von Mit-Zöglingen unterschieden, von denen die meisten nicht den Sprung in die Seriosität geschafft haben. Sichtbares Zeichen: Tätowierungen. „Ich war der Einzige, der unbeschriftet raus ist“, sagt Gibert. Die meisten haben sich schon dort drei Punkte in die Hand stechen lassen: Knasti.

Giberts Hauptkommissar Paul Lenz ermittelt also zum Mord an zwei ehemaligen Karlshof-Erziehern. Ein Serientäter? Ein Racheakt? Gekonnt verwebt der Regionalkrimi-Routinier seine Handlungsstränge, baut Spannung auf, weiß, wie falsche Fährten einzuflechten sind. Allerdings sind das gesellschaftliche Klima in jener Zeit, die Machtgefüge, die zu desolater Heimsituation und Missbrauch durch Autoritätspersonen führten, eigentlich zu brisant, um sie nur als Handlungshintergrund zu verwenden. Das ist bedauerlich. Aber im Roman musste Spannung vorgehen. Die Recherche fand schon im vergangenen Sommer statt - als das Thema Missbrauch später groß in die Medien knallte, war „Schmuddelkinder“ längst fertig.

Der Radius reicht weit in die Region hinein, aufs Feld nach Baunatal-Hertingshausen, zum Badesee bei Bebra. Gibert ist es wichtig, bei allem Lokalkolorit nicht zu eng auf Kassel fokussiert zu sein. Auch wenn ihn Taxifahrer anpflaumen, dass er eine Kreuzung in der Stadt erfunden hat.

Paul Lenz ermittelt unter schwierigen Bedingungen, denn Schoppen-Erich, der Oberbürgermeister, macht ihm das Leben schwer, weil seine Ehefrau zu ihrem Langzeitgeliebten Lenz gezogen ist. Dass sich Maria und Lenz in Band sechs endlich kriegen, hat Gibert auch seinen Lesern zu verdanken: Auf Lesungen hat er gefragt, was das Publikum will. Trotzdem geht es mit den beiden nicht unproblematisch weiter, verrät er.

Der Vielschreiber hat den Folgeband bereits fast fertig. Der Fall dreht sich um Neonazis. Im Moment ist er froh, dass der Verlag seinen Erfolgsautor so hätschelt. Das gibt etwas Luft beim Arbeiten. Trotzdem ist das Feilen an seinen Figuren für Gibert immer wie ein „Besuch bei Freunden“.

Matthias P. Gibert: Schmuddelkinder, Gmeiner, 372 S., 11,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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