Gitarrist Bryan Lee im Theaterstübchen

Ein Blind Date der Extraklasse

Mal rockig, mal gefühlvoll: Der blinde Blues-Gitarrist Bryan Lee im Theaterstübchen. Foto: Malmus

Kassel. Manche Bilder müssen nicht gemalt werden. Sie entstehen durch die Aura und die Besonderheit eines Menschen. Und wenn der Blues dabei die Farben mischt, dann wirken sie besonders tief ein.

Die amerikanische Blues-Legende Bryan Lee gastierte am Montag im Theaterstübchen. Das Konzert des Gitarristen und Sängers, der 30 Jahre lang im berühmten Old Absinth House an der Bourbon Street in New Orleans auftrat, brachte den Club zum Überquellen. Wie gut, dass Theaterstübchen-Chef Markus Knierim den Besuchern auch über Bildschirme den Blick auf die Bühne ermöglicht. Denn da agierte einer, der nicht nur durch seine Musik begeisterte, sondern das Publikum auch persönlich berührte: Unbeweglich wie ein Fels ruht der 67-Jährige auf seinem Stuhl. Den Kopf stets nach unten geneigt und den Hut so tief in die Stirn gezogen, dass die schwarze Sonnenbrille darunter fast verschwindet.

Wie ein Schlafender, der seine Gitarre umklammert, mutete dieses Bild an. Doch Bryan Lee war hellwach: „Ich liebe euch auf die beste Weise, die mir möglich ist, mit dem Blues.“ Das Publikum erwiderte diese Liebe. Bryan Lee hörte den Applaus und lächelte. Sehen kann er nicht, wer ihn da feiert, denn er ist blind.

Die Hingabe aber, mit der er den Blues zelebriert, öffnet die Augen für diese Musik: Blues eingeatmet, Blues ausgeatmet. Mal rockig, mal gefühlvoll, stets aber authentisch, wie das Leben selbst. Seine Stimme, ein explosiver Aufschrei, bei dem das weiße Ziegenbärtchen am Kinn in Bewegung kommt.

Schäumende Soli

Aus verschiedenen Alben präsentierte Lee seine Künste. Eines davon „My lady don’t love my lady“. Im Titelsong erzählt er, dass er seine Frau liebt, seine Gitarre aber auch. Und wie, könnte man ergänzen: Mit unglaublichem Rhythmusgefühl meißelt er die Akkorde in sein rotes Instrument.

Seine Soli sind keine wirbelnden Schaumschlägereien, sondern Venen, in denen der Blues pulsiert. Jedem einzelnen Ton schenkt er so viel Ausdruck, dass jeder von ihnen den gesamten Blues in sich trägt. Fazit: Ein Ausnahmekonzert. Ein „Blind Date“, wie es Lee so humorvoll bezeichnete, der Extra-Klasse.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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