Virtuos wie ein Pianist, der durch eine Etüde rauscht: Comedian Ralf Schmitz in der Kasseler Stadthalle

Vom Blödeln und Beleidigen

Im Alltag wäre er schlicht unverschämt: Ralf Schmitz bei seinem Kasseler Auftritt. Foto: Fischer

KASSEL. Klar ist der Mann gut. Gnadenlos gut sogar, wenn Erfolg bei der Zielgruppe als Maßstab gilt. Jubel, Trubel, Heiterkeit und finale Ovationen gab es in der Kasseler Stadthalle, wo Comedian Ralf Schmitz (35) mit einem fast dreistündigen Solo mächtig aufdrehte.

Ganz allein? Nun ja, wie es das Motto „Schmitzophren“ verhieß, durfte man zahlreiche Facetten einer reichen, wenn auch nicht unbedingt reifen Persönlichkeit kennenlernen.

Da schlüpft Schmitz etwa in die Rolle eines Professors, der einen Vortrag über das Tourette-Syndrom hält. Diverse Tics und Macken werden vorgeführt. Nach dem Buchstaben „ü“ pfeift der superqirlige Schnellsprecher, das Wort „und“ ersetzt er durch ein Furzgeräusch und nach Begriffen, die mit Sex assoziiert werden können (beispielsweise „kommen“) wendet er den Blick zur Seite, um ein beschwingtes „Kuckuck“ rauszulassen. Garantiert sinnfrei und für Menschen, die an Tics leiden, wohl nicht sehr nett. Aber Schmitz bringt seine temporeiche Blödelnummer aus Sprache, Geräuschen und Gesten so virtuos rüber wie ein Klavierspieler, der durch eine Etüde rauscht.

Zum Erfolg trägt auch bei,

dass Schmitz sein Publikum auf mehr oder weniger liebenswürdige Weise in die Show einbezieht. Eines von mehreren Mitmachopfern aus der ersten Reihe ist Sandra, deren Gesicht beim Gespräch mit Schmitz auf eine Leinwand übertragen wird. Als Sandra „Ich habe alles, was ich brauche“ sagt, fällt dem spontanen Scherzkeks mit Blick auf ihren Freund ein: „Dann ist das noch nicht alles.“ Die fast 1000 Zuschauer sind begeistert ob solcher Auslassungen, die im normalen Leben als unverschämt gelten würden.

Im Alltag hätte man es wohl auch äußerst ungern, dass sich einem ein Wildfremder auf den Schoß setzt. Solches widerfährt einer Frau, die erraten muss, dass Schmitz im improvisierten Sketch eine Mischung aus Bär und Stripper verkörpert. „Callboy?“, rät die Frau, worauf Schmitz weiterhilft: „Muss ja nicht immer mit Reinstecken sein.“ Entspannende Entlastung von zivilen Normen oder armes Deutschland? Das muss jeder für sich entscheiden.

Von Georg Pepl

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